Captain Niv’eau


Jim genoss die untergehende Sonne während er mit einem Schluck eiskalten Bieres seine trockene Kehle benetzte. Er saß am dicht bewucherten Rand eines kleinen Sees und starrte mit leerem Blick in das kühle Nass zu seinen Füßen, als wie aus dem Nichts drei Fische gleichzeitig auftauchten. Glücklicherweise hatte er die richtige Angel für eine solche Situation – eine Triangel. Er musste über seinen eigenen dämlichen Witz länger lachen als nötig, und kramte gedankenverloren in seinem olivgrünen Beutel zu seiner Rechten nach dem Fernglas. So und jetzt schauen wir weiter.

Nach weiteren, ermüdenden Stunden und minimaler Ausbeute schnappte er sich einen mickrigen, am heutigen Tage gefangenen Fisch und spießte ihn mit einem Ast der Länge nach auf. Astrein. Er starrte auf das inzwischen siebte Bier und fragte sich mit einem dümmlichen Grinsen, warum die physikalische Einheit für Dichte nicht eigentlich Promille war. Mit dem tiefsinnigem Gegrübel bezüglich des Sexualverhaltens des kleinen Krebses, welcher über seine Zeitschrift mit leicht bekleideten Frauen kletterte, kam er zu dem Schluss, dass diese für Krebse wohl krebserregend sein mussten. Nach dem Zusammenpacken seiner sieben Sachen schlenderte er zu seinem schadstoffstarken und leistungsarmen Golf und fuhr Richtung Heimat.

Sich auf seinem Lieblingssessel platziert, schaltet er das Fernsehgerät an. Das gemütliche Szenario wurde durch seine hereinstürmende Freundin zerstört. Jim spürte ihren niedrigen pH-Wert, sie war zweifelsohne sauer.
„Den ganzen, verdammten Tag warst du unterwegs und wenn du sternhagelvoll nach Hause getorkelt kommst, schmeißt du dich vor die Glotze und guckst irgendeinen Schmarrn!“ sie machte eine Pause um Luft zu holen und auf den Fernseher zu schauen „Über die AfD? Dein Ernst? Das ist dir wichtiger, als mich zu begrüßen?!“
Kleinlaut erwiderte er, obwohl er wusste, dass es ein Fehler sein würde bevor er es ausgesprochen hatte „Ich wollte nur mal nach den Rechten schauen“. Er sah wie die Ader auf der Stirn seiner Freundin bedrohlich anschwoll und versuchte die Wogen zu glätten: „Aber Schatz ich hab dir doch erst gestern einen Strauß mit nach Hause gebracht. So sehr liebe ich dich.“
Ihr Augenlid flatterte unkontrolliert, als sie entgegnete: „Den habe ich entsorgt!“
„Wieso das denn?“
„Weshalb gehen Luftballons kaputt?“ Er wagte es nicht zu antworten. „Aus Platzgründen, du Vollidiot! Was zur Hölle sollen wir mit einem riesigen Vogel in unserer Wohnung?!“
Er versuchte einen letzten, verzweifelten Annäherungsversuch: „Ich verspreche mich zu bessern, weniger zu trinken und mehr auf dich einzugehen. Was hältst du von der Idee mir noch eine Chance zu geben?“
„Abstand.“

Resigniert ließ er den Kopf hängen und akzeptierte traurig, vor die Tür gesetzt zu werden. Um seine Traurigkeit zu ertränken, marschierte er schnurstracks zu seiner Stammkneipe um die Ecke. Es war zwar eine heruntergekommene, dreckige Spelunke, wurde aber von einem äußerst weisen, älteren Asiaten geführt, den er um Rat fragen wollte. Er suchte die Getränkekarte ab und fand schlussendlich den Gin des Lebens. Er bestellte sich das Getränk und erklärte seinem „Freund“ die Situation. Dieser strich behutsam seinen langen, weißen Bart und starrte in die Leere, bis er schließlich bedeutungsvoll sagte: „Für jeden Topf gibt es einen Dackel.“ Er schob ihm einen Teller dampfenden Gulasch vor die Nase und nickte freundlich.
Weitergeholfen hatte Jim das zwar nicht, aber immerhin gesättigt. Er begab sich erst einmal auf die Toilette um sich zu erleichtern. Gedankenverloren starrte er vor sich hin und griff ohne hinzuschauen nach der Klopapierrolle, doch fasste ins Leere. „Eine wichtige Rolle in meinem Leben.“ dachte er sich „Man merkt erst wie viel etwas bedeutet, wenn es fehlt.“ Damit war es beschlossen. Er würde seine Freundin zurückgewinnen!

..vorausgesetzt man brächte ihm Klopapier.

Die nächsten Tage verbrachte er damit sich selbst auf Vordermann zu bringen. Angefangen mit seinem Gesicht ließ er sich von einer reizenden Zahnarzthelferin die Fresse polieren. Um auch seine alkoholvernebelten Sinne zu rehabilitieren, spielte er im Park um die Ecke eine Partie Schach gegen einen älteren Herren. Natürlich hatte er ihn ohne Probleme schlagen können – nachdem der ältere Herr das Schachspiel gewonnen hatte. Geistig und körperlich wieder auf der Höhe, traute er sich nun an die große Herausforderung seine Freundin zurückzugewinnen.

Als er mit zitternder Hand die Tür zu seiner alten Wohnung aufschloss stand seine (Ex-)Freundin mit einem Joghurt in der Hand vor ihm. Sie ließ den Joghurt vor Überraschung fallen – er war wohl nicht mehr haltbar gewesen. Nach langem hin und her, weniger netten Wortgefechten und wüsten Beschimpfungen später, zog seine Freundin ein Fazit: „Mach den Nichtschwimmer und verschwinde gefälligst!“
Verdutzt antwortet er nur „Hä?“.
Und mit den Worten „Halt den Rand.“ beendete sie viel zu früh ein so wichtiges Kapitel seines Lebens.

Am späteren Abend konnten die Ermittler lediglich den Tod feststellen. Ein untersetzter Polizist, mit leicht ergrautem Haar zeigte auf die Leiche: „Es deutet alles auf Selbstmord hin, Chef. Er scheint seinen Kopf auf diesem Pflock aufgespießt zu haben.“ Sein Vorgesetzter verdeckte seine Augen vor dem grauenhaften Anblick und fragte nach genaueren Details.
„Geht ins Ohr, bleibt im Kopf.“

Das war das Ende des Herrn Jim Panse.

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