//Part 4: Freiheit//

Was war geschehen? Dubium vernahm keinen Ton. Seine Ohren fühlten sich, wie mit Watte verstopft und das Gesicht in feuchte Tüchern gehüllt. Er zwang sich die Augen zu öffnen und wurde von dem hellsten Etwas geblendet, dass er je wahrgenommen hatte. Als er sich nach einigen Sekunden an die gleißenden Strahlen gewöhnt hatte, bemerkte er, dass er in einem Fluss trieb. Mit der langsam eintretenden Erkenntnis nicht gestorben zu sein, konnte er das kühle Nass, welches seinen Körper umfloss, genießen. Er hob den Kopf und hielt Ausschau nach Drache. Dieser zog Kreise über seinem Kopf. „Was ist passiert?“ fragte Dubium „Wo sind wir?“ Drache schnaubte, was einem menschlichen Kichern erstaunlich nah kam „Wir sind in der realen Welt, wir haben es geschafft!“ Aber wie war das möglich, sie hätten zerfleischt werden müssen! Dubium überfiel eine plötzliche Angst, nirgendwo Mauern, keine Wärter und von überall her dieser Krach! „A-aber wie?“stotterte er. „Ich bin hier um dich zu beschützen“ eröffnete Drache erklärend „Und genau das habe ich getan. Wenn ich in deiner Nähe bin, ist es beinahe unmöglich für dich zu Schaden zu nehmen.“ Das verstand Dubium zwar nicht, war aber froh einen Beschützer in dieser ungewohnten Welt an seiner Seite zu wissen. Sie paddelten ans Ufer und trockneten sich in dem hellen Licht, das wie er durch Drache erfahren hatte, Sonne genannt wurde. Sie befanden sich auf einer sattgrünen Wiese umrandet von Bäumen und Sträuchern. Die Luft war voll mit Insekten und Pollen, doch es roch so frisch und euphorisierend, wie es im metallenen Zuhause niemals gerochen hatte. Er spürte erneut das Prickeln auf seiner Haut, doch war es diesmal nicht der heilende Hauch Draches, sondern das Gefühl der Freiheit. Freiheit war in den Hallen nicht gelehrt worden. Drache sagte einmal: „Freiheit ist schwer zu beschreiben, es ist das Gefühl zu sagen, zu denken und zu tun was auch immer dir beliebt.“ Damals hatte Dubium sich das nicht vorstellen können, doch jetzt wusste er genau was es war und wollte es niemals wieder missen. Nachdem die Sonne langsam den Horizont erreichte, machten sie sich auf den Weg einen Schlafplatz zu suchen. Dies erwies sich schwieriger als gedacht, denn Dubium hatte nie gelernt alleine zu leben. Im metallenen Zuhause wurde jegliche Selbstständigkeit von ihm genommen, doch mit Hilfe von Drache bauten sie sich ein Lager aus getrocknetem Gras und Blättern, sowie Moos als Kopfkissen. Er schlief tief und fest. Seine erste Nacht in der Freiheit war erfüllender als jede andere in seinem alten Leben.
Unsanft wurde er aus seinem Schlaf gerissen. Über ihm stand eine Frau, deren Schönheit Ihresgleichen suchte. Ein gütiges Gesicht, jedoch zu einer grimmigen Miene verzogen, satte rote Lippen und ein kurvenreichen Körper. Abgerundet wurde das Bild durch ebenholzschwarze Haare, welche ihr über die Schultern hingen. Sie trug eine anliegende pastellfarbene Kutte, an der Hüfte durch einen lederähnlichen Gürtel zusammengehalten. Dubium schien sie wohl zu lange gemustert zu haben, denn ihr Gesicht wurde noch grimmiger: „Wer bist du?“ zischte sie „Was tust du hier?“ Dubium war noch ein wenig vom Schlaf und der vor ihm stehenden Schönheit benebelt, sodass er außer einem plumpen „Schlafen“ als Antwort nichts hervorbrachte. Zu seiner Verwunderung grinste die Schönheit und half ihm hoch. „Ich bin Veranima“ erzählte sie „Tut mir leid, dich erschreckt zu haben, aber ein erschreckter Mensch offenbart mir seine Aura am leichtesten.“ Eigentlich wollte er fragen, was sie damit meinte, aber aus irgendeinem Grund war es ihm peinlich unwissend ihr gegenüber zu sein. „Wie ist dein Name?“ fragte sie und ging tiefer in den Wald hinein, mit einer Hand ihm bedeutend zu folgen. „Dubium.“ antwortete er und konnte ihr gerade so auf dem unebenen Weg folgen, ohne zu weit zurückzufallen. „Dubium, soso.“ sagte sie mit einem zweiflerischen Unterton „Das ist ein Drachenname. Woher kommst du?“. Erst jetzt fiel ihm auf, dass Drache sich nicht in der Nähe befand. „Ich komme von..“ „Ahh!“ erschreckte Veranima sich „Daher der Name! Dein Begleiter ist ein Drache!“ Vor ihr war Drache aus den Wipfeln herabgestürzt, bremste vor ihrem Gesicht jedoch ab und flatterte auf und ab. „Du kannst ihn sehen?“ fragte Dubium ungläubig. Bisher hatte niemand Drache erblicken können. „Ja, das hat meine Gabe so an sich. Ich erkenne Auren, Türen der Seele. Ein Drache hat eine gewaltige Aura, also ist es schwer in zu übersehen.“ erklärte sie mit einem Augenzwinkern. Dubium erkannte, dass Drache geschmeichelt den Schwanz hin-und her zucken ließ. Inzwischen war die ungleiche Gruppe an einer heruntergekommenen Holzhütte angelangt, an der sich das Moos bereits die Balken entlang schlängelte. Veranima schwang die Tür auf und sie betraten ihr Heim. „Nun erzählt mal, was euch hierher treibt. Du siehst so gar nicht aus, wie ein gewöhnlicher Mensch. So viele Muskeln, schwarze Haut und definitiv sehr schreckhaft“ bei dem letzten Wort grinste sie und ihre hellweißen Zähne kamen zum Vorschein. Sie war wirklich wunderschön, dachte sich Dubium. Er setzte zu einer Erklärung an, aber Drache kam ihm zuvor: „Wir kommen aus den metallenen Zuhause der Firma. Ich bin Dubiums Beschützer und meine Aufgabe ist es ihm ein erfülltes Leben zu ermöglichen.“ Dubium sah Veranima an, dass sie zweifelte, doch behielt diese Erkenntnis erst einmal für sich. „Das metallene Zuhause. Davon habe ich gehört. Die Firma produziert Menschen, ohne freien Willen und mit übermenschlicher Kraft. Es sind quasi lebende Zom..“ Sie brach ab und schaute zu Dubium „Du bist eines der Produkte?“ Sie hatte einen mitleidigen Blick aufgesetzt, was Dubium Unbehagen bereitete, aber wofür er andererseits auf eine gewisse Weise dankbar war. Dubium nickte und schwieg. „Nun ja!“ sagte sie plötzlich mit Euphorie geschwängerter Stimme „Wie kann ich euch helfen?“ „Helfen?“ fragte Dubium verdutzt. Er freute sich wie ein kleines Kind über das Angebot, doch war er unsicher wobei sie eigentlich helfen wollte. „Natürlich! Du brauchst Training im Menschsein.“

Die darauffolgenden Tage lernten sich die Drei besser kennen. Vera, so durfte Dubium sie inzwischen nennen, lebte seit ihre Großmutter gestorben war alleine in der Holzhütte und begegnete nur recht selten anderen Menschen. Ihre Gabe, hatte ihre Großmutter erzählt, wurde über Generationen vererbt und sei letztendlich bei ihr angekommen. Durch die mangelnden Aktivitäten, durchaus dem geringen Kontakt zu Menschen geschuldet, wenn man alleine in einem Wald lebte, übte und verfeinerte sie ihre Gabe immer weiter. Dubium begann sie wirklich sehr zu mögen, auch wenn er sich nicht sicher war, ob er überhaupt dazu imstande war. Drache bestärkte ihn und er fühlte sich mehr und mehr wie ein richtiger, realer Mensch. Vera bestand darauf, dass die Beiden bei ihr einzogen und sie lebten einige Zeit zusammen und genossen das Leben. Er lernte viel über die Welt und das Jagen, sowie das Kämpfen, für das er offensichtlich eine Affinität besaß. Eines Abends sollte der vermeintliche Frieden ein jähes Ende finden..

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