Gute Taten

Ahriman hatte seine Aufgaben als funktionierender Teil der Gesellschaft vernachlässigt. Wie konnte er sich am besten wieder integrieren und seinen Platz in dieser chaotischen Welt einnehmen?

Planlos spazierte er die Straße entlang, als er eine ältere Dame erspähte, die anscheinend Schwierigkeiten hatte ihren Rollator über die holprige Straße zu befördern. Euphorisch peilte er seine erste Aufgabe in Richtung eines guten Lebens an und ging schnellen Schrittes auf sie zu.

„Guten Tag, junge Dame. Darf ich Ihnen behilflich sein?“ fragte er sie unverblümt. Lächelnd willigte sie ein, setzte sich abfahrtsbereit auf die Sitzfläche ihrer Gehhilfe und er schob sie auf die andere Seite. Erfreut über seine erste produktive Tat des Tages, marschierte er mit stolz geschwellter Brust durch die Gegend, bis er schließlich den Vorplatz des Bahnhofs der Stadt erreichte. Er zuckte zusammen als er unerwartet von der Seite angesprochen wurde: „Haste mal Feuer?“ fragte ein recht junger, etwas heruntergekommener Mann. Glücklich über die nächste Chance sich zu beweisen lieh er dem Mann das Feuerzeug nicht nur, sondern schenkte es ihm sogar. Kurze Zeit später nutzte er die Möglichkeit einer jungen Mutter mit Kinderwagen die Tür zur Bankfiliale aufzuhalten, was sie mit einem dankbaren Lächeln quittierte. Zwar war ihm bewusst, dass es sich bisher nur im Kleinigkeiten handelte, doch er war sich sicher: Aus kleinen Taten, würden große Folgen resultieren.

Nichtsdestotrotz hatte er bei weitem noch nicht genug getan. Deshalb begab er sich motiviert zu einer Essensausgabe für Obdachlose und meldete sich als freiwilliger Helfer. Verärgert musste er feststellen, wie dort beinahe frische Lebensmittel aufgrund von irgendwelchen Bestimmungen achtlos in den Müll befördert wurden. Er rettete die optisch mängelfreien Produkte und verteilte diese in Eigenregie vor der Tür der Tafel an Bedürftige. Selbst hungrig von seinem produktiven, heutigen Tage gönnte er sich bei einer Fast-Food-Kette um die Ecke einen leckeren Burger, als er betrübt feststellen musste, dass der kleine, leicht rundliche Junge vor dem Schaufenster traurig auf die fettigen Burger starrte. Er sah wehmütig ein letztes Mal auf sein Mittagessen und gab es dann, mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen, dem kleinen Jungen. Dessen Augen strahlten vor Erregung, er schaute sich kurz um und biss dann genüsslich in den Burger, sodass das Fett ihm die Mundwinkel hinuntertroff. Gesättigt von seinen guten Taten machte sich Ahriman auf den Weg nach Hause.

Vollkommen befriedigt von sich selbst, setzte er sich vor den heimischen Fernseher und schaltete die Nachrichten ein. Ein älterer Herr mit schlohweißem Haar sprach mit ernster Stimme:

„Der heutige Tag erschüttert unsere, von uns allen, so geliebte Stadt. Ein tragischer Unfall ereignete sich am frühen Morgen, als Margarete H. nach dem Überqueren einer gesperrten Straße von einem Gerüstteil erschlagen wurde. Wir wünschen der Familie und den Freunden der Verstorbenen viel Kraft.“

Ahriman riss geschockt die Augen auf.

„Doch damit nicht genug, musste die Polizei am Bahnhofsvorplatz den Teenie-Rockstar „BigCoke“ tot vorfinden. Der Pressesprecher seines Labels bestätigte derweil, dass die Todesursache wohl eine Überdosis gewesen sein musste. Uns erreichten des Weiteren diverse Meldungen über mutwillige Selbstverstümmelungen einiger junger Fans des Künstlers.“

Ahriman verzog ungläubig das Gesicht.

„Obwohl das bei weitem genug schlimme Nachrichten für einen einzigen Tag sein sollten, starben außerdem 12 Menschen bei einem Banküberfall. Die Bankräuberin konnte großkalibrige Waffen unbemerkt in einem Kinderwagen in die Bank schmuggeln und ließ ihren Frust auf die Bank an allen sich vor Ort befindenden Menschen aus. Laut einstimmigen Presseberichten muss es sich um ein wahres Blutbad gehandelt haben. Eine Notfallrufnummer für weitere Informationen blenden wir nun am unteren Bildschirmrand ein.“

Ahriman starrte in die Leere.

„Eine nicht weniger schlimme Tragödie passierte rund um die Tafel für Obdachlose und bedürftige Menschen. Vermutlich gelangten, durch einen Fehler eines Mitarbeiters oder Mitarbeiterin, infizierte und hochgradig schädliche Nahrungsmittel in Umlauf. Bisher sind uns 37 Todesfälle bekannt. Falls Sie mit dieser Nahrung in Kontakt gekommen sein könnte oder sie gar zu sich genommen haben, kontaktieren sie bitte schnellstmöglich einen Arzt oder begeben sich in ein nahe gelegenes Krankenhaus.“

Ahrimans Körper bebte.

„Als Abschluss zu all diesen furchtbaren Nachrichten erreicht uns just in diesem Augenblick die Mitteilung über den Tod des, in unserem Städtchen wohlbekannten und geliebten, Sohnes des Bürgermeisters. Dieser hatte, wie Sie sicher bereits wissen, durch eine seltene Krankheit seit seiner Geburt Probleme mit der Verarbeitung von fettreicher Nahrung, welche nun seinen Tod bedeutete. Noch ist unklar, wie es dazu kommen konnte, da jegliche Nahrungsmittelläden in unserer Stadt informiert sind. Das traurigste aber an dieser Meldung ist die Tatsache, dass ursprünglich für morgen eine OP, um seine Leiden zu beheben, angesetzt war. Und nun zum Wetter..“

Ahriman fokussierte seinen Blick auf den Fußboden, faltete seine Hände und begann wie im Rausch zu lachen. Ihm liefen unkontrolliert die Tränen sturzbachähnlich das Gesicht hinunter und er musste schon bald um Luft ringen.

Nachdem er sich einigermaßen beruhigt hatte, lächelte er. Er lächelte und war zufrieden. Niemals hatte er sich erträumt, durch kleine Taten solch riesige Folgen resultieren lassen zu können. Erneut hatte er ein funktionierender Teil der Gesellschaft werden können; nahm wieder seinen Platz in der Welt ein.

Zufrieden stieg der Teufel hinab in die Hölle.

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