Hinter Gittern

Mit schwachen Händen umfasste Gerd müde einen der Gitterstäbe, die seine kleine Zelle von der Außenwelt abtrennten. Zwar konnte er sich nicht daran erinnern jemals wirklich glücklich gewesen zu sein, doch sah man in seinen Augen deutlich die unsäglichen Schmerzen, die er in seiner Zeit auf Erden hatte erleben müssen. Das Schlimmste an seiner momentanen Situation war, dass er wenig bis keine Erinnerung an den Grund hatte. Schmerzen..Blut..und diese Schreie..diese markerschütternden Schreie. Ihn durchfuhr ein eiskalter Schauer, als er daran dachte.

Er wurde durch das Erscheinen eines Wärters aus der Erinnerung gerissen. Ein Tablett mit undefinierbaren Brei wurde ihm vor die Nase gesetzt. Die Nahrung war weder gut noch schlecht, sie war einfach da. Was wirklich an seiner Psyche kratzte, war der perfide Fetisch seines dauergrinsenden Abschaums von Wärter. Dieser beobachtete ihn mit durchdringenden Blicken bei beinahe allem, was er tat. Das war zwar aufgrund Gerds Alters nicht viel, die meiste Zeit schlief er oder starrte gedankenverloren die Decke an, aber beim verrichten seiner Notdurft angestarrt zu werden, gab selbst ihm den Rest. Genug! Ich muss hier raus!

Er fuhr sich durch das schüttere Haar, während er angestrengt über Fluchtmöglichkeiten nachdachte. Die einzigen Personen die er kannte waren allesamt Vollidioten: Soweit er wusste, konnte keiner von ihnen lesen, geschweige denn schreiben. Wenn Karl versuchte zu laufen, ähnelte er mehr einem ausnüchternden Karnevalisten am Aschermittwoch, als einem normalen Menschen. Und Edgar hatte er bisher keinen Ton von sich geben hören. Geniale Voraussetzungen für einen Ausbruch.

Die einzigen Augenblicke nicht in Isolationshaft, waren im Gemeinschaftsraum mit den anderen Häftlingen. Erschreckenderweise musste er feststellen, dass es wohl Edgar erwischt hatte. Nicht zum ersten Mal verschwand Jemand und tauchte nie wieder auf. Man wusste nicht was mit diesen Leuten geschehen war und man wollte es vermutlich auch gar nicht wissen. Momentan jedoch bekräftigte ihn das nur in seinem Plan zu fliehen. Karl, dumm genug als Ablenkungsmanöver zu fungieren, torkelte unbeholfen in Richtung der Wärter. Mit unverständlichem Gefasel rammte er unerwartet einen der Wärter, welcher vor Schreck seinen Kaffee verschüttete. Ein wildes Durcheinander brach, durch solch eine Kleinigkeit, aus und Gerd nutzte die Verwirrungen, um durch eine der offenstehenden Türen zu entfliehen.

Das Chaos nahm nun seinen Lauf. Stimmen wurden laut und schnelle Schritte hallten durch die riesigen Gänge. Seinen Herzschlag beruhigend, wartete Gerd einen Moment an einer Abzweigung und entging so einem panisch, vorbeihechtenden Wärter. Alles was ihn jetzt noch von seiner Freiheit trennte, war der Abstieg und das monströse Gebilde eines Tores. Mehr schlecht als recht, rollte er mehr als dass er kletterte, hinunter Richtung Freiheit. Mit allerletzter Kraft hievte er sich zum Tor, doch so kurz vor dem Ziel überkam ihn plötzlich eine ureigene, mit seinem Alter verbundene, Müdigkeit. Ich. muss. es. schaffen..

Das dreckige Grinsen seines Wärters war das Erste, das er beim Aufwachen sah. Resigniert ließ er sich auf seine verschmutzte Matratze zurückgleiten. Die Geschichte über seinen Beinahe-Ausbruch endete mit den Worten des Wärters, die er noch so oft hören sollte: „Hast du fein Aa gemacht, kleiner Gerd?“. Gerd steckte sich den Schnuller in den Mund und dachte verdrossen: In 18 Jahren bin ich hier raus.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.