Hinterlassenschaft


Zum Geburtstag hatte Ron sich eine neue Kamera gekauft, speziell für schnelle Aufnahmen, eine sogenannte „Actioncam“. Zum Ausprobieren der vielfältigen Möglichkeiten begann er auf der Dachterrasse des Hotels, in dem er arbeitete, zu filmen. Eigentlich durfte sich niemand um diese Zeit dort aufhalten, doch als Hausmeister hatte er Zugriff auf den Generalschlüssel und genoss die atemberaubende Aussicht. Klare Wetterverhältnisse kamen seiner Kamera zugute und er ging ,mit ihr auf den Kopf geschnallt, das Geländer entlang.

Plötzlich hörte er Stimmen und versteckte sich hinter einer aufwändig geschnittenen Pflanze am äußeren Rand der Terrasse. Zwei Männer standen sich gegenüber, der eine im edlen, schwarzen Anzug, mit weißer Krawatte und weißem Hut, der Andere in lockerem Kapuzenpullover und blauer Jeans. Erst auf den zweiten Blick erspähte Ron die Pistolen an den jeweiligen Unbekannten. Der Anzugträger redete auf den legere Gekleideten ein, welcher gelassen nickte. Auf einmal hielten sie inne und steuerten auf ihn zu. Hatten sie ihn entdeckt?

Doch bevor sie ihn erreichten, bogen sie ab und zerrten eine Frau, etwa in Rons Alter, hervor. Sie schrie panisch und versicherte ihnen, sie habe nichts gesehen. Der Anzugträger hielt sie am Arm fest, sodass dieser bereits begann blau anzulaufen. „Es tut mir leid, aber uns bleibt keine andere Wahl, als dich umzubringen.“ sagte der er mit schwerem, osteuropäischen Akzent. Sein Partner fügte dreckig grinsend hinzu: „Kann schon mal passieren, dass ein junges Ding unbedacht die Terrasse entlang schlendert und zufällig“ er legte die Betonung auf das zufällig „aufgrund eines schlimmen, schlimmen Unfalls herunterstürzt.“ Die Frau schlug schreiend um sich, während sie zum Geländer geschleift wurde.

„Stop!“ rief Ron, überrascht von seinem unerwartet aufkeimenden Heroismus. Der Blick der Beiden wanderte unverzüglich in Richtung seiner Kamera. „Gib uns die Kamera, sonst stirbt die Kleine!“ Ron wusste, sie würden ihn niemals gehen lassen, ob mit oder ohne Kamera. „Nein.“ Die beiden Schurken schauten einen Moment verdutzt drein. „Ich kenne Sie gar nicht.“ Anstatt sich mit seinem Spielchen Zeit erkaufen zu können, stieß der Anzugträger die Frau in die Tiefe.

Ein ihn überraschend packender Instinkt trieb Ron dazu hinterher zu hechten, er versuchte sie zu packen, verfehlte sie und stürzte ebenfalls. Im Fallen bekam er schließlich ihre Hüfte zu fassen. Die Zeit schien in Zeitlupe zu vergehen. Er blickte ihr direkt in die Augen und fühlte sich sicher. Der Augenblick verstrich und der rasend schnell näherkommende Boden brachte ihn zurück in die Realität. Mehr aus Reflex, als aus Kalkül streckte er seine noch freie Hand aus und bekam doch glatt ein Rohr des Gerüsts des Gebäudes von Gegenüber zu packen. Durch den Schwung wurden sie auf Holzlatten katapultiert, welche unter dem Aufprall nachgaben, die Beiden aber mehr oder weniger unverletzt auf den Boden brachten.

Er hatte keine Zeit lange benommen liegen zu bleiben, da er bereits die wütenden Rufe der beiden Schurken vernahm. Also packte er die soeben gerettete Frau am Arm und lief los. „Wer bist du?“ sie keuchte vor Anstrengung „Sowas wie ein Agent?“ Ron drehte sich kurz zu ihr um, schaute sie an und sagte dann: „Ich bin Hausmeister.“

Sie rannten gemeinsam, so schnell ihre Beine sie trugen und versuchten über die U-Bahn-Station zu flüchten. In kurzer Distanz zu ihnen kamen die beiden Männer inklusive Verstärkung hinterher gehetzt. „Komm schnell!“ rief Ron „Ich hab eine Idee.“ Gerade als ein Zug einfuhr sprangen sie an den Leuten vorbei ins Abteil. Ihre Verfolger taten ihnen gleich. Es folgte ein Sprint durch den Zug, bis hin zur letzten Tür. Ron und die Frau sprangen durch sie hindurch. Den verfolgenden Männern jedoch schloss sie sich genau vor der Nase.
Nachdem die Beiden genug Luft geschnappt hatten um wieder einigermaßen sprechen zu können, eröffnete Ron den Vorschlag die Polizei um Hilfe zu bitten. Als sie die Wache erreichten, mussten sie geschockt feststellen, dass der zuvor legere gekleidete Mann nun in Polizeiuniform vor eben jener stand.

„Was tun wir jetzt?“ fragte die Frau, überraschend gefasst, in Anbetracht dessen, das an dem heutigen Tage passiert war. Ron dachte nach. Plötzlich fiel ihm wieder ein, dass seine Kamera alles aufgezeichnet hatte und es automatisch auf eine Videoplattform hochladen konnte. Er erklärte den Plan und bekam aus dem Nichts einen Kuss aufgedrückt. „Ich bin übrigens Jule.“ sagte sie mit einem glücklichen Lächeln auf den Lippen. Irgendwo in der Ferne spielte eine Melodie, die Zeit zog sich und schien sein gesamtes Leben aufzuwerten. Mit neuem Mut gestärkt, machte sich Ron auf die andere Straßenseite. Jule würde in der Zeit im Internetcafé gegenüber das Bildmaterial hochladen und gleichzeitig weiter filmen.

Der Polizist erkannte ihn sofort „Ha! Das war dämlich.“ sagte er selbstgefällig „Was glaubst du hält mich ab, dich einfach zu erschießen? Ich bin Polizist, du hast mich angegriffen“ Ron versuchte die Ruhe zu bewahren und sprach langsam und selbstsicher: „Erinnerst du dich an meine Kamera?“ Er machte eine Pause um den langsam abrutschenden Gesichtsausdruck seines Gegenübers zu genießen. „Sie hat alles aufgenommen und filmt selbst jetzt noch. Bald schon weiß die ganze Welt Bescheid. Also würde ich sagen, du lässt mich in Ruhe oder du ..“ Just in diesem Moment kam ein schwarzer BMW mit quietschenden Reifen neben den Beiden zum stehen. Der Mann im Anzug sprang aus der aufschwingenden Tür. „Du bist nutzlos für mich geworden!“ sprach er mit seinem schweren Akzent und Blick auf den Polizisten. „Und du warst nie von Nutzen!“ diesmal ging der Blick zu Ron. Der Schurke hob den Arm und schoss. Polizist und Ron fielen zu Boden. Das Letzte, das Ron hörte, waren Jules verzweifelten Schreie.

Sie hatte alles gesehen und war, als der Anzugträger angefahren kam, losgelaufen. Blitzschnell schnappte sie sich die Waffe des Polizisten und drückte ab. Der Anzugträger sah es nicht kommen und fiel mit einem heftigen Klatschen zu Boden.

Jules Augen füllten sich mit Tränen. Sie sah auf den Leichnam Rons und sagte schluchzend „Wir kennen uns erst seit heute. Doch einen Tag wie diesen kann ich nicht vergessen. Einen Menschen wie dich, kann ich nicht vergessen. Meine Taten, kann ich nicht vergessen. Und..“sie schluckte „Wir werden nicht vergessen werden!“

Als Polizisten und Zivilsten herbeieilten, konnten sie nur noch die Leichen vorfinden. Die des Anzugträgers und die des Polizisten. Daneben Arm in Arm die von Ron und Jule.

Noch am gleichen Tag entdeckte der zuständige Ermittler, sowie unzählige Reporter und ganz normale, einfache Leute das Video mit dem Titel „Ron&Jule, bitte helft uns! Wir könnten sterben!“

Die Seite lud, das Video baute sich auf – ein graues Bild, mit einem rechteckigen, roten Smiley in der Mitte erschien, mit den Worten: „Dieses Video ist in Deutschland leider nicht verfügbar, da es Musik enthalten könnte, über deren Verwendung wir uns mit der GEMA bisher nicht einigen konnten.
Das tut uns leid.“

Vielen, vielen Dank an: Viktor/Anzugträger, Felix/Polizist, Tim/Ron und natürlich Jessy/Jule!

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