Miss-Wahl

Sie stieg aus ihrem frisch gewachsten, leuchtend roten Porsche und richtete ihre unzähligen Schmuckutensilien, dass es nur so klimperte. Frau Erfolg schaute noch einmal auf ihren, natürlich auf einem goldenen iPad abgespeicherten, Notizzettel und verglich die Adressen. Erst nach dem Absetzen der Gucci-Sonnenbrille konnte sie die, auf dem im Wind schaukelnden Holzschild, in krakeligen Lettern beschriftete Nachricht, entziffern: „Heute große Miss-Wahl!“. Sie war definitiv am richtigen Ort. Vorsichtig schritt sie voran und betätigte die rostige Klingel, woraufhin umgehend ein mechanisches Brummen ertönte. Als sie die quietschende Tür aufschob, schlug ihr ein von Nervosität geschwängerter Duft entgegen. Auf den klapprigen Holzstühlen im Vorraum saßen etwa ein Dutzend Frauen verschiedenen Alters, teils in irgendwelche Hefte oder Bücher vertieft, teils in die Leere starrend, eine betete sogar. Mit erhobenem Blick suchte sie sich den optisch am hochwertigsten erscheinenden Stuhl, stellte ihre Louis Vuitton Tasche ab und platzierte ihr, durch chirurgische Eingriffe optimiertes, Hinterteil auf der Sitzgelegenheit.

„Frau Brauch? Sie sind dran.“ ertönte die Stimme hinter den Tresen. Die zuvor betende, ältere Frau erhob sich und wandte sich an ihre Freundin: „Passt du bitte solange auf meine Tasche auf?“ Die Freundin nickte und sagte: „Du packst das, ich habe vollstes Vertrauen in dich!“. Gerade als Frau Brauch die Tür hinter sich zuzog, ertönte der Vibrationsalarm ihres Telefons. Ihre Freundin zögerte einen kurzen Moment, fischte dann aber das Handy aus der Tasche und riss beim Lesen der Nachricht geschockt die Augen auf.

„Also, Frau Brauch…dann erzählen Sie doch einmal. Was spricht für Sie, in diesem Wettbewerb?“ Frau Brauch entfaltete ihre Hände und erzählte mit ruhigen, einladenden Gesten: „Wie Sie sicherlich wissen, setze ich mich sehr für die Kirche und ihre Gemeinde ein. Alte Traditionen sind die Grundfeste der Erde – ohne sie sind wir alle verloren.“ Sie machte eine kurze Pause und ergänzte: „Aber das Wichtigste natürlich unsere Kinder.“ Zufrieden mit ihrer Aussage lächelte sie. Ihr Gegenüber nickte zustimmend und blickte hinter sie in die obere Ecke des Raumes. Als sie sich ebenfalls dorthin drehte, konnte sie allerdings nichts erkennen. „Danke, Frau Brauch, das reicht erst einmal. Schicken Sie bitte Frau Trauen rein.“.

„Hey, Vera. Du bist dran.“ Frau Trauen schaute ihre Freundin enttäuscht an, stand auf und legte ihr das Handy mit der geöffneten Nachricht in die Hand. Frau Brauch las: „Wie gewünscht und Usus, sind die Lustknaben zusammengepfercht in der Krypta. Lieben Gruß ein stellvertretender Kirchenrepräsentant“.

Die Klingel ertönte und mit dem mechanischen Brummen kamen drei breitgebaute, osteuropäisch anmutende Männer in den kleinen Vorraum. “Frau Erfolg?” sprach der älteste der drei Gestalten mit schwerem Akzent. Frau Erfolg vollendete demonstrativ langsam das Neuauftragen ihres Lippenstifts und meldete sich klimpernd. “Das ist meine Wenigkeit. Was kann ich für die werten Herren tun?” sagte sie in laszivem Tonfall und musterte die Männer von oben bis unten. “Inkasso”, er hielt ihr das Schreiben vor die gerichtete Nase und sie riss erschrocken die Augen auf. Passend wurde zeitgleich der rote Porsche knatternd auf das Abschleppfahrzeug gezogen. Frau Erfolgs Gesichtszüge entgleisten und stotternd fragte sie: “Aber..aber..wie?”. Der Inkassomitarbeiter grinste und antwortete demonstrativ langsam: ”Steuern, Frau Erfolg, die Steuern.” Er drehte sich zu einer weiteren sich im Raum befindenden Dame und nickte ihr zu: “Vielen Dank für den Tipp, Frau Gunst.”

Mehrere Kaffeebecher balancierend schlängelte sie sich durch den gefüllten Vorraum. Selbst das Lösen eines der Bodenbretter konnte sie antizipieren und durch eine elegante Drehung verhinderte sie den zuvor noch unvermeidbar erscheinenden Sturz. Plötzlich wurde jedoch unvermittelt die Tür des Besprechungszimmers aufgestoßen und Frau Verständnis schritt hervor. Die Kaffeebecher flogen in hohem Bogen auf das zuvor jungfräulich weiße Kleid – nun von oben bis unten in Kaffee getränkt. Das darauffolgende Geschrei vertrieb den vor der Hütte rastenden Vogelschwarm. “Es tut mir schrecklich leid! Das war ein Versehen! Ich…” Frau Geschick wurde von Frau Verständnis abrupt unterbrochen: “Das habe ich gemerkt – sie haben mich mit dieser braunen Suppe versehen!” “Nein, nein…wollte doch nur…etwas Gutes tun…” winselte sie leise. Erbost hob Frau Verständnis den Arm: “Ein Suppenhuhn?!”

“Na wunderbar! Ausnahmslos alle haben gewonnen!”
“Aber Herr…”
“Nein!” unterbrach er seinen Mitarbeiter “Sie alle haben sich den Miss-Titel mehr als verdient!”

Der Mitarbeiter versuchte seine Gedanken zu ordnen und einen Lichtblick in dieser Misere zu erkennen. Den letzten Strohhalm packend fragte er: „Aber was ist denn mit Frau Achtung? Sie ist bisher noch nicht zum Vorsprechen erschienen!“ Sein Chef schüttelte mit in die Leere starrenden Augen den Kopf, seufzte: „Sie wird auch nicht mehr erscheinen.“ Auf den fragenden Blick seines Mitarbeiters antwortete er dann schulterzuckend: „Hatte einen Autounfall. Stoppschild missachtet “ Der Mitarbeiter schaute seinem Arbeitgeber zu, wie dieser die Abdeckung zurückklappte und für einen kurzen Moment zögerte, schließlich aber den Knopf bediente. Ein Countdown ertönte:


10…
9…
8…
7…
6…
5…
4…
3…
2…
1…
Zerstörung der Erde wird eingeleitet.

Herr Lich erhob sich, schaltete das Licht aus und zog die Tür hinter sich zu.

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