//Part 2: Zweifel//

Er schlug die Augen auf, sein Körper war geschunden, doch Schmerz verspürte er schon lange nicht mehr. In seinem Lager befanden sich zehn weitere, die waren wie er. Hochgezüchtet, nannten die Leiter es. Sie würden gemeinsam eine bessere Menschheit gestalten. Er wusste nicht was das heißen sollte, er kannte lediglich die Menschen innerhalb der Mauern des metallenen Zuhauses. Man lehrte sie, dass die Menschen außerhalb fehlerhaft waren und man sie ersetzen müsse. Seine Brüder und Schwestern sahen das ebenso. Früher taten sie das nicht, aber jeder Einzelne beugte sich früher oder später dem Willen der Firma und nahm ihn selbst an.
Nur er nicht. Er hatte einen Gefährten, welcher seit er denken konnte an seiner Seite weilte und aus irgendeinem Grund ausschließlich von ihm gesehen werden konnte. Es handelte sich um einen Drachen in der Größe eines Vogels mit einem schwarzen Schuppenkleid, doch ähnelten diese mehr einer Feder, hatten die Härte eines Chitinpanzers. Der Name seines Begleiters hatte er nie erfahren, er nannte ihn einfach Drache.
Trotz der ihm zugefügten Schmerzen und Gedankenwäschen, war es ihm möglich gewesen ein einigermaßen normaler Mensch zu bleiben, da ihn Drache immer wieder von den Vorzügen eines realen Lebens erzählte.
Eines Tages als er von dem Brechungsritual, so nannte die Firma den Vorgang bei denen man den Menschen im metallenen Zuhause die Knochen brach, damit sie stärker zusammenwuchsen, in sein Lager zurückkehrte fand er eine Rasierklinge auf seinem Kissen, welches eigentlich nur ein Leinensack mit etwas Stroh war, vor. Es war üblich, dass Kinder, die nicht stark genug waren, sich selbst das Leben nahmen. Dies erleichterte die Arbeit der Firma und sparte Kosten, die sie für das zu schwache Kind ohnehin ausgegeben hatten. Normalerweise wäre dies das Ende für ihn gewesen, doch Drache tauchte auf und sprach: „Du willst einfach so aufgeben?“ Die Worte verwirrten ihn, denn das Wort „aufgeben“ wurde ihm nicht gelehrt und doch konnte er aus dem Ausdruck auf Draches Gesicht schließen, dass es nichts gutes hieß. „Ich tue nicht aufgeben, ich tue das, was erwartet wird.“. Draches Miene verfinsterte sich und er sagte „Falls du das tust, dann tu ich es auch. Doch bedenke, dass du dann den Tod deines einzigen Freundes auf dem Gewissen hast.“
„Gewissen haben nur reale Menschen, ebenso wie Freunde. Ich bin ein gemachter Mensch und habe keins von Beidem.“ Drache schnaubte: „Wenn das so ist, dann tu es. Wenn du aber den geringsten Zweifel hast, dann trage von nun an den Namen Dubium und sei ein realer Mensch“
Von diesem Tage an nannte er sich Dubium und trainierte härter als je zuvor. Ließ jegliche Schmerzen über sich ergehen und wurde mehr und mehr zu einem gemachten Menschen, damit er irgendwann mal ein realer Mensch sein konnte.
Die Jahre verflogen und die Insassen des metallenen Zuhauses wurden kräftiger und engstirniger. Soetwas wie freien Willen gab es nicht, außer bei Dubium. Weshalb er öfter aneckte, als die Firma es zulassen konnte. Es war mitten in der Nacht als sie ihn holten. Er schlief nie besonders tief, weshalb er die schweren Stiefel schon weitem vernahm. Er wurde grob gepackt und hochgezerrt. Als er die Augen öffnete starrte ihn die gewohnte eiserne Fratze des schwarzen Babys an. Er konnte den stinkenden Atem des Wärters riechen und unterdrückte seine Übelkeit. Doch nicht nur der Gestank verwesender Nahrungsreste widerten ihn an, sondern auch die Tatsache, dass er genau wusste, was für eine Freude es dem Wärter machte ihn in den Tod zu schicken. „Hast es endlich geschafft, kleiner Mann! Das Ende ist nah.“ Dubiums Muskeln spannten sich, doch er bemerkte Drache wie er in einiger Entfernung in der Luft flatterte und den Kopf schüttelte. Er musste sich anscheinend noch gedulden, doch Angst erfüllte ihn, wie in der Nacht als er hätte sterben sollen. Er wurde durch einen dunklen Korridor gezerrt, die Wände waren auch hier komplett aus Metall, das immer dunkler zu werden schien. Am Ende stand der Leiter und sprach: „Deine Zeit ist gekommen, du der sich Dubium schimpft! Es gibt keine Individuen in einer Gemeinschaft! Wenn wir perfekt sein wollen, müssen wir Makel zerstören!“ Beim Aussprechen des letzten Wortes spürte Ubium die Erregung des Leiters. „Ohne Zerstörung keine Regeneration!“ Das Ganze hatte etwas wie ein Exorzismus, und würde letztendlich mit seinem Tod enden. Zum Glück hatte er Drache an seiner Seite, ansonsten wäre er vermutlich wahnsinnig geworden. Als der Leiter seine Zeremonie beendet hatte, gab er den Wärtern ein Zeichen und diese hievten Dubium in eine dieser Metallboxen, in denen fehlerhafte Produkte, so nannte man diejenigen, die sich nicht bekehren lassen wollten oder als Baby zu schwach waren. Er schlug heftig auf und es gab einen erstaunlich hellen Klang. Dann mischte sich aber zu dem Vibreren der Wände ein rotierendes Geräusch und als Dubium nach unten sah, erblickte er sich schnell drehende Sägeblätter, die ihm den Gar ausmachen sollten.
Er blickte zu Drache und bemerkte jetzt erst, dass dieser mit ihm den Tod gerissen werden würde.
„Was tust du hier? Verschwinde! Mein Tod darf nicht deinen ebenso bedeuten!“ Doch Drache antwortete lediglich: „Beruhige dich und vertraue mir“ Er öffnete seinen Mund und eine grüne Woge umfasste sie beide. Ein leichtes Kribbeln verspürte Dubium, der Sog wurde angeschaltet und sie wurden in Richtung Klingen gezogen.

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