Der Schein der untergehenden Sonnenstrahlen tauchte die kleine Wohnung in einladendes, orangenes Licht. Ein klappriger Ventilator wirbelte von der Fensterseite aus herumliegende Staubpartikel durch die Luft, die durch den Lichteinfall beinahe den Anschein von Glitzer erwecken konnten. Riko saß an einem schwarzen aus breiten Holzlatten gezimmerten Tisch, während seine Mutter das Essen zubereitete.
Die Einzimmerwohnung bestand lediglich aus einem kleinen Raum mit Kochnische in der einen Hälfte, dem Tisch in der Mitte des Raumes und zwei, vom Alter geprägten, leicht ausrangierten Matratzen in der anderen. Trotz der offensichtlichen Altersmerkmale, den dreckigen Gemeinschaftsbädern auf dem Flur und den weniger sympathischen Nachbarn, war es doch sein Zuhause. Er war der festen Überzeugung trotz fehlendem materiellen Wert, glücklich zu sein. Abgesehen davon hatte er das Leben sowieso nur auf diese diese Art kennengelernt.
Mit einem Ächzen, einem alten Mann konkurrierend, erhob er sich angestrengt von seinem Stuhl und machte Anstalten seine Mutter beim kochen zu unterstützen. Sie winkte jedoch ab und er ließ sich wieder zurück auf den Stuhl fallen. Er war froh eine Mutter wie sie zu haben. Nicht nur weil sie immer alles getan hatte, damit er ein erfülltes Leben führen konnte, sondern auch weil sie selbst mit dem Stress eines alleinerziehenden Elternteils nie ihre Lebensfreude verloren hatte. Stets war sie bemüht, diese ebenfalls an Riko weiterzugeben. Geld war nicht der Schlüssel zu einem erfüllten Leben, nein, es waren Menschen wie seine Mutter, die ein Leben lebenswert machten.
Der Duft des vor sich hin köchelnden Essens verbreitete sich durch den Ventilator rasch in der kleinen Wohnung und Rikos Magen knurrte bereits in freudiger Erwartung. Manch einer mochte in seinem Alter vielleicht genervt davon sein mit seinen Eltern am Tisch sitzen zu müssen. Er nicht. Im Gegenteil: Er genoss jeden einzelnen Moment in Gegenwart seiner Mutter. Da sie meistens den Großteil des Tages arbeiten musste und lediglich zum schlafen nach Hause kam, sahen sie sich leider dementsprechend verhältnismäßig selten.
Riko öffnete den Schrank und nahm die einzigen beiden Teller heraus und verteilte sie auf dem Tisch, was mit einem dankbaren Lächeln seiner Mutter quittiert wurde. Als sie sich gegenüber saßen fielen ihm die vielen, kleinen Fältchen und Zeichen der Zeit in ihrem Gesicht auf. Es war sicherlich nicht immer leicht gewesen ein Leben wie das ihre führen zu müssen. Sie schien seine Gedanken zu erahnen und lächelte, wie so häufig, um ihn von den Sorgen des Lebens abzulenken.
In Situationen wie diesen war er beinahe froh, dass sein Vater sie damals im Stich gelassen hatte. Aus ihnen beiden wäre andernfalls niemals eine so eng verbundene Familie geworden. Die meiste Zeit aber hasste er ihn und wünsche ihm nur das schlimmstmögliche. Was für ein Mensch lässt seine schwangere Frau zurück – ohne die geringste Erklärung! Niemals würde er wie sein Vater werden. Zwar wusste er so gut wie nichts über ihn, aber was er wusste, das verabscheute er abgrundtief.
Das schrille Klingeln der Tür riss ihn aus den Gedanken. Als er aufstand um die Tür öffnen zu wollen, bedeutete ihm seine Mutter sitzen zu bleiben. Sie entriegelte das Schloss, als unerwartet die Tür mitsamt der Türkette laut krachend aufgestoßen wurde. Seine Mutter wurde durch den Aufprall weggestoßen und landete einige Schritte rückwärts auf dem Boden. Im Rahmen stand ein hochgewachsener Mann, das Gesicht mit unregelmäßig wachsenden, schwarzen Bartstoppeln, mit einer dreckigen Kappe leicht verdeckt. Der schwarze, lederne Mantel konnte die angespannten Muskeln kaum verstecken und ging fließend in die, sich in seiner rechten Hand befindenden, dunklen Pistole über..
Von dem einen auf den anderen Moment schien alles in Zeitlupe zu passieren. Riko schrie panisch, seine Mutter starrte still und bewegungslos dem bedrohlichen Eindringling in die Augen. Es folgte ein ohrenbetäubender Knall. Das Geschoss flog durch die Luft, traf sein Ziel und das Blut spritzte in alle Richtungen. Seine Mutter war getroffen. Ein weiterer Knall, ein weiterer Treffer. Die Überlebenschancen schwanden rapide. Langsam drehte sich der Angreifer zu Riko. Dieser schwieg nun. Seine Mutter, der einzige Mensch, der je für ihn dagewesen war.. tot. Alles was blieb war ein durchlöcherter Körper und Unmengen an Blut, das sich seinen Weg über die Maserungen des dunklen Holztisches suchte und abstrakte Muster auf den Boden malte.
Wut packte ihn und Riko sprang mit Kraft der Verzweiflung und von Rachedrang angepeitscht auf den Angreifer zu. Dieser jedoch blockte seinen Angriff lässig mit nur einem Arm und schleuderte ihn mühelos in Richtung Fenster. Benommen blieb Riko liegen und konnte die Tränen nicht mehr daran hindern seine Wangen hinab zu laufen. Mit schweren Schritten kam der Mörder seiner Mutter auf ihn zu. Nicht mehr lange und auch Rikos Leben hätte ebenfalls ein jähes Ende gefunden. Er war nicht sauer, denn wenigstens müsste er nicht alleine auf dieser Welt sein. Schon bald würde er seine Mutter im Reich der Toten wiedertreffen. Der Angreifer war nur noch wenige Zentimeter von Riko entfernt und starrte ihn an. Durch seine verschwommene Sicht meinte Riko für einen kurzen Moment einen Hauch von Bedauern ausmachen zu können. Ein allerletzter Knall und die Patrone, die sein Leben beenden sollte, verließ den Lauf der Waffe. Er spürte den brennenden Schmerz und ihm wurde schwarz vor Augen.
Der Schein der untergehenden Sonne tauchte die kleine Wohnung in ein trauriges, tiefrotes Licht.

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