So also fühlte sich der Tod an. Gebettet in samtweichen Laken nahm er den sterilisierten Duft einer gereinigten Umgebung wahr. Abgerundet wurde das Ganze durch ein monotones, beruhigendes Rauschen. Er war weder imstande sich zu bewegen, geschweige denn die Augen zu öffnen. Einzig den Tönen der Umwelt lauschend, atmete er sanft ein und aus.

Als Toter atmen…?

Auf einen Schlag trafen ihn die schmerzhaften Erinnerungen und er musste sich konzentrieren weiterhin Luft in seine Lungen pumpen zu können. Seine Mutter war tot. Er hatte niemanden mehr. Er war allein. Verlassen von der einzigen Person, die ihm jemals etwas bedeutet hatte.

Als er seine Atmung wieder einigermaßen unter Kontrolle bringen konnte, vernahm er die näherkommenden Stimmen zweier Frauen:
„Der arme Junge! Kaum wirklich erwachsen und schon solch ein Schicksalsschlag. In dem jungen Alter ganz auf sich allein gestellt – das wäre mir zu viel.“ „Ach Tanja, du weißt doch gar nicht, ob er wirklich allein ist.“, meldete sich die piepsige Stimme der anderen Frau: „Vielleicht hat er ja noch Verwandte oder eine Freundin..oder, naja, irgendwen halt.“

Ich habe niemanden.

Die Eltern seiner Mutter waren bereits vor vielen Jahren verstorben und die seines Vaters hatte er nie kennengelernt. „Vielleicht wäre der Tod in diesem Fall doch die bessere Alternative für ihn gewesen. Ich meine, mal ganz ehrlich: Wer will schon so ein Leben führen?“ überlegte die normal klingende Frauenstimme. Glücklicherweise antwortete die piepsige Stimme lediglich mit einem tiefen Seufzen. Vor Wut auf die beiden Frauen – nicht da sie Unrecht hatten, sondern vielmehr weil sie ihm unfreiwillig seine miserable Situation so deutlich machen mussten- schlug er die Augen auf.

Das helle Licht blendete ihn und ihm erschien die Umgebung im ersten Moment unscharf, doch war es nicht schwer zu erraten wo er sich befand. Das weiche Bett, das ihn zuvor noch an den so friedlichen Himmel erinnert hatte, war lediglich ein Teil der Einrichtung eines Krankenhauses. Die beiden urteilenden Frauen waren Krankenschwestern und das beruhigende Rauschen hatte seinen Ursprung in diversen klinischen Gerätschaften. Sein Erwachen wurde nicht sofort bemerkt und die Schwestern waren bereits in ein neues, für sie wohl ebenso wichtiges Thema vertieft: Hackfleisch war im Sonderangebot. Sein Räuspern ließ die beiden Frauen erschrocken zusammenzucken und sie unterbrachen das Gespräch um ihn verlegen an zu lächeln. „Oh, Sie sind ja wach. Bleiben Sie noch einen Moment ruhig liegen, wir geben dem Arzt sofort Bescheid.“ Damit eilten sie zur Tür hinaus.

Nach einer, für Krankenhäuser vermutlich eher unüblich, kurzen Zeit kam ein untersetzter, glatzköpfiger Mann mit einer offensichtlich kostspieligen Brille auf der Nasenspitze und weißem, hinter sich her wehenden Kittel durch die Tür. Auf den ersten Blick wirkte er zwar sympathisch, dennoch merkte man ihm seine professionelle Distanziertheit an. Das ging vermutlich mit dem Arztdasein einher. Tagtäglich mit teils totkranken Menschen zu arbeiten und häufig komplett machtlos gegenüber einer Krankheit zu sein – das musste über kurz oder lang den Charakter prägen. Mit seiner rechten Hand hielt er ein Klemmbrett mit, so vermutete Riko zumindest, den Ergebnissen seiner Verletzung. Die noch freie Hand griff nach dem Kugelschreiber hinter seinem Ohr und er trommelte Gedankenverloren auf das Brett in seinen Händen, bis er schließlich die Stimme erhob und sagte:“Ich grüße Sie, Herr..“ er blickte erneut auf den Zettel „..Relicant.“ Er lächelte Riko unverbindlich und freudlos an. „Wenn ich mich vorstellen darf, ich bin Doktor Manus, Ihr behandelnder Arzt.“ Er machte eine Atempause, um sich zu sammeln bevor er fortfuhr: „Zuallererst möchte ich Ihnen natürlich mein tiefempfundenes Beileid aussprechen.“ Riko sah ihm an, dass er diese Phrase schon viele Male hatte von sich geben müssen.
Nicht sehr vertrauenserweckend.
„Doch trotz allem Unglück hatten sie anscheinend einen fleißigen Schutzengel an ihrer Seite.“
Klar. Meine Mutter ist ermordet worden und ich bin angeschossen. Mein Schutzengel verdient eine Gehaltserhöhung!
Der Arzt bemerkte Rikos entgleisende Gesichtszüge, fuhr aber unberührt fort: „Aufgrund des schnellen Anrufs, war es uns möglich ihr Leben zu retten. Sie werden noch einige Wochen Schmerzen erleiden müssen, aber im Großen und Ganzen wieder rundum genesen.“
Körperlich..
Es schien ihm, als erwartete sein Arzt einen Dank und als er diesen nicht erhielt, nickte er nur und verließ mit einem genuschelten „Gute Besserung“ das Krankenzimmer.

Riko hatte innerhalb weniger Stunden vier neue Leute kennengelernt und -mal abgesehen vom Mörder- wusste er nicht, wen er am meisten verabscheute: Die Krankenschwestern, die ihm seine Situation durch ihre mitleidigen Worte so deutlich gemacht hatten oder den Arzt, der Lob und Dank erwartete, nachdem er alles was ihm lieb und teuer war verloren hatte. Nach all dem Schlechten war es an der Zeit für etwas Gutes. Doch als die Tür aufschwang und man ihm sein Krankenhausessen brachte, war er sich sicher: Der Tod wäre die bessere Alternative gewesen.

Er musste noch einige Zeit im Krankenhaus verbringen und jeder wache Moment hatte einen faden Beigeschmack, denn er wusste: je öfter diese auftraten, desto früher würde er entlassen und zurück ins reale Leben geworfen werden. Bereit war er dafür noch nicht. Viel zu oft brach er innerlich zusammen, war aber bedacht darauf, sich niemals etwas anmerken zu lassen. Doktor Manus schaute noch einige Male vorbei, doch schon bald nahmen auch diese Pflichtbesuche ab. Nun hatte er lediglich die beiden Schwestern als sozialen Umgang, wobei diese eigentlich nicht als solche bezeichnet werden konnten.

Riko saß aufrecht in seinem Bett und starrte – wie so häufig – die kahle Wand an, als es an der Tür klopfte. Er drehte widerwillig den Kopf zur Seite und ein junger Mann, in einem teuren Anzug und zurückgegelten, dunklen Haaren betrat das Zimmer. Er war höchstens Anfang 30, doch strahlte das Selbstvertrauen eines erfahrenen Menschen aus. Riko erkannte recht schnell um wen es sich handeln musste. Sein Verdacht wurde durch die Polizeimarke in der Hand des Besuchers bestätigt. Selbstbewusst stemmte der Besucher die Hände in die Hüfte und öffnete den Mund, Riko schlug kalter Zigarettenrauch entgegen. „Hallo mein Junge, ich schätze du hast schon damit gerechnet, dass einer von uns irgendwann auftaucht.“ Riko kämpfte mit einem Würgreiz, nicht ausschließlich des Geruchs wegen, der sich schlagartig im Zimmer verteilte, sondern auch aufgrund der kalten, herablassenden Art, in der er mit ihm sprach. „Ja, Herr Polizist“ antwortete er mit lächerlich hoher Stimme und fügte spöttisch hinzu: „Ich kann es kaum erwarten über den Tod meiner Mutter zu reden.“ Der Ermittler schaute ihn verdutzt an und man konnte dem Ermittler das Denken deutlich ansehen. Geniale Voraussetzungen für einen Polizisten. „Nun“ fing er sich einigermaßen „ich würde dir gerne ein paar Fragen stellen?“ Als Riko weder bejahte noch verneinte, fuhr er verunsichert fort „Also deine Mutter“ er schaute zu Boden, als hätte er ihm eine Beleidigung an den Kopf geworfen „Weißt du vielleicht, ob sie Feinde oder zumindest Probleme mit irgendjemanden hatte?“ Er wunderte sich, dass er den eben noch so selbstsicheren Beamten mit ein wenig Sarkasmus aus dem Konzept bringen konnte. Wie sollte jemand wie er in der Lage sein, den Mörder seiner Mutter zu finden? „Nein.“ Das war alles was er dazu sagte. Natürlich gab es Menschen, die mit seiner Mutter nicht zurechtgekommen waren, aber sie ermorden – nein, dazu wären sie nicht imstande gewesen. Der Ermittler schien sich nicht an die nachfolgende Frage erinnern zu können und als ihm diese endlich wieder einfiel sah es beinahe so aus als würde er sich wie ein Hund über ein gefangenes Stöckchen freuen: „Dann beschreib‘ mir mal ganz genau was passiert ist.“ Riko zog abschätzig eine Augenbraue in die Höhe. Was bist du eigentlich für ein Trottel? Er seufzte und erzählte in teilnahmsloser Stimmlage „Es klingelt. Mann kommt rein. Mann erschießt meine Mutter. Mann schießt auf mich. Ich wache im Krankenhaus auf.“ Dabei starrte er den Ermittler forschend an und spürte dessen Unbehagen. „Noch Fragen?“ Der Polizist schüttelte mit dem Kopf und deutete an zu gehen, als er abrupt stehen blieb, sich umdrehte und sagte „Hier, meine Karte. Falls dir noch etwas einfallen sollte, melde dich.“ Damit verließ er endlich das Zimmer. Der Geruch und das miese Gefühl aber sollten noch eine Weile Bestand haben.

Inzwischen sind’s fünf neue Menschen und einer schlimmer als der andere. In Gedanken versunken bemerkte er nicht, wie sich die Tür abermals öffnete und ein älterer Mann den Raum betrat. Seine lockigen, mit dem Alter weißgewordenen Haare hüpften verspielt auf Schulterhöhe auf und ab, als er an sein Bett herantrat. Sein ebenfalls schlohweißer Bart ließen ihn sympathisch wirken und durch die breite Statur erinnerten Riko im ersten Moment an den Weihnachtsmann. Bei dem Gedanken daran musste er unwillkürlich grinsen und sein Gegenüber tat ihm in freundlicher Weise gleich. Der Fremde sagte nichts und sah ihm lediglich tief in die Augen. Diesmal war es Riko, der nervös wurde und unsicher fragte „Nichts für ungut, aber..wer sind Sie?“ Der Mann lächelte nun noch breiter und hob grüßend die Hand, um sich vorzustellen: „Hi, nenn‘ mich einfach Herb. Es ist schön dich endlich kennenzulernen!“ Herb schaute ihn noch immer überglücklich an und offenbarte schließlich: „Ich bin dein Großvater!“

Vor lauter Schreck verschluckte Riko sich und stotterte ungläubig: „M-mein Großvater?“. Herb umrundete das Bett und setzte sich auf den nebenstehenden Stuhl: „Ganz recht. Dein Großvater.“ Seine Miene änderte sich schlagartig von überglücklich zu äußerst betrübt: „Die Polizei hat mich darüber informiert, was passiert ist.“ Er seufzte und schien nach den passenden Worten zu suchen: „Es tut mir wirklich leid was passiert ist, Riko. Doch du darfst dich nicht hängenlassen. Ich werde dir helfen, deinen Weg zu finden.“ Herbs gewinnendes Lächeln fand auf sein Gesicht zurück. Anders als erwartet, ließ er Riko nicht in seinem Mitleid baden, sondern wollte ihn aufbauen. Zu seiner Verwunderung, fühlte Riko sich bereits besser, als in der gesamten Zeit seit dem „Zwischenfall“. „Und was soll ich jetzt machen?“ fragte Riko. Herb legte die Hand auf seine Schulter und sagte „Erst mal kommst du wieder auf die Beine. Um alles andere kümmere ich mich.“ Ein letztes Lächeln und er verließ den Raum. Mit ihm verschwand die für kurze Zeit gehobene Stimmung. Im Grunde wollte er seinen Großvater hassen. Aus dem einfachen Grund, dass er der Vater seines Vaters war. Zu tief saß der Schmerz. Komischerweise empfand er jedoch lediglich unendliche Dankbarkeit dafür, nicht alleine auf der Welt sein zu müssen. Das letzte bisschen Hoffnung, das er besaß, war nun Herb. Wenn Riko etwas konnte, dann war es Menschen einzuschätzen und Herb war zum Glück einer von den Guten.

Die darauffolgenden Tage vergingen durch die regelmäßigen Besuche seines Großvaters wie im Flug. Er erzählte ihm von dem Verlust seiner Ehefrau und dass er früher selbst einmal bei der Polizei gearbeitet hatte. Riko erfuhr eine Menge über ihn und die beiden kamen ziemlich gut zurecht – solange keiner von beiden über den Vater redete. Sobald bewusst oder unbewusst dieses Thema angeschnitten wurde, fand das Gespräch ein jähes Ende. Herb schien verdrängen zu wollen und Riko war zu enttäuscht, um darüber zu reden. Vielleicht würden sie eines Tages in der Lage sein die Geschehnisse aufzuarbeiten, aber dieser Tag schien in weiter Ferne zu liegen.
Nach einigen Wochen wurde er entlassen. Die Freude ihn endlich loszuwerden auf Doktor Manus‘ Gesicht, ließ ihn Grinsen. Als hätte Herb – der ihn abgeholt hatte – geahnt, worüber Riko sich amüsieren musste, sagte er ebenso grinsend, was Riko dachte: „’N Komischer Vogel ist das.“

Riko war über das Angebot Herbs heilfroh gewesen, ihn bei sich wohnen zu lassen. Sein altes Zuhause konnte und wollte er nicht betreten. Das einstöckige Haus von Herb lag etwas außerhalb der Stadt und die vielen Pflanzen und Bäume, die das Grundstück umrandeten, ließen das Heim überaus gemütlich und behütet wirken. Von innen war das Haus ähnlich wie von außen mit unzähligen, verschiedenen Pflanzen dekoriert und vermittelten eine einladende Atmosphäre. „Hier kannst du schlafen.“ sagte Herb und deutete mit dem Finger in einen Teil der Wohnung, in der eine Matratze, sowie einige Decken bereitgelegt waren. Am gleichen Abend saßen die beiden zusammen vor dem Kamin und unterhielten sich bei einem wärmenden Tee. Sein Großvater schien, wie von Riko bereits früh erkannt, ein wahrlich herzensguter Mensch zu sein. „Wir können morgen mal auf den Markt gehen“ erzählte Herb „Dann lernst du ein paar Freunde von mir kennen und..wer weiß, vielleicht kann dir auch jemand Arbeit anbieten?“ Er sah ihn fragend an. Riko war sich nicht sicher, was er nun aus seinem Leben machen wollte und sein Großvater deutete den Gesichtsausdruck: „Keine Angst, du bist nicht mehr allein. Von nun an werde ich an deiner Seite weilen, bis du auf eigenen Beinen stehst..oder aber genug von deinem alten Opa hast.“ Er zwinkerte Riko zu.

Ich bin nicht allein.

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