Prolog

Es herrschte eine beängstigende Stille, wenn man bedenkt, dass just in diesem Moment Dutzenden von Babys die Knochen gebrochen wurden. Einzig das Knacken hallte von den metallenen Wänden wider. Die Luft war stickig und der, sich über alles hinwegsetzende, Geruch war eine Mischung aus Blut , Schweiß und Exkrementen.
Die Kinder waren allesamt nebeneinander in steinernen, sargähnlichen Wiegen aufgereiht. Vor ihnen stand jeweils ein, in schwarze Roben, gekleideter Mann, mit einer eisernen Maske und dem hervorstechenden Logo der Firma: ein schwarzer Kopf eines Babys, fest umschlungen von einem blutroten Band.
Im einheitlichen Takt schlugen die Männer mit ihren Hämmern gezielt auf bestimmte Stellen der Kinder.
In den Augen Ebendieser sah man nicht, die eines Kindes übliche, Euphorie, sondern ausdruckslose, schwarze Kugeln, welche nicht auch nur den Hauch eines Lebenswillens erahnen ließen.
Ein metallisches Klirren ermahnte die Männer in schwarz, ihre Hämmer gegen Skalpelle einzutauschen und die Muskeln aufzuschlitzen. Die Schwierigkeit bestand darin, die Kinder nicht zu töten, sondern zu stärken. Leider klappte dies nicht immer, weshalb sich in der Ecke der Halle eine große Tonne befand, in der man die fehlgeschlagenen Projekte entsorgen konnte.
Wenn die körperliche Bearbeitung abgeschlossen war, wurden die Kinder zu einem „Lehrer“ gebracht.
Dieser erklärte ihnen nicht nur die vermeintliche Welt, sondern ebenso ihre Aufgaben im Leben. Gehorchten sie nicht, half er regelmäßig mit ein wenig Gewalt nach. Mit Hilfe von gezielten Elektroschocktherapien, stellte man die Festigung des Gelehrten sicher. Bedauerlicherweise löste dies nicht selten Wahnsinn bei den Kindern aus.
Am Ende des Tages lauschte man der Rede des Leiters, welche hauptsächlich aus den verschiedenen Dogmen der Firma bestand. Das wichtigste dieser Dogmen lautete:

„Durch Zerstörung erwächst Kraft, ohne Zerstörung keine Regeneration“

Abgerundet wurde das Ganze durch die Frage: „Was brauch man also um sich zu verbessern?“
Und die Menge schrie euphorisch: „Zerstörung!“
Die jungen Kinder jedoch blickten wie zuvor, des Lebens bereits müde, ausdruckslos in die Ferne. Lediglich eines versprühte einen Hauch von Widerstand und trotz des geschunden Körpers und des manipulierten Geistes, lächelte es.

//Part 2: Zweifel//

Er schlug die Augen auf, sein Körper war geschunden, doch Schmerz verspürte er schon lange nicht mehr. In seinem Lager befanden sich zehn weitere, die waren wie er. Hochgezüchtet, nannten die Leiter es. Sie würden gemeinsam eine bessere Menschheit gestalten. Er wusste nicht was das heißen sollte, er kannte lediglich die Menschen innerhalb der Mauern des metallenen Zuhauses. Man lehrte sie, dass die Menschen außerhalb fehlerhaft waren und man sie ersetzen müsse. Seine Brüder und Schwestern sahen das ebenso. Früher taten sie das nicht, aber jeder Einzelne beugte sich früher oder später dem Willen der Firma und nahm ihn selbst an.
Nur er nicht. Er hatte einen Gefährten, welcher seit er denken konnte an seiner Seite weilte und aus irgendeinem Grund ausschließlich von ihm gesehen werden konnte. Es handelte sich um einen Drachen in der Größe eines Vogels mit einem schwarzen Schuppenkleid, doch ähnelten diese mehr einer Feder, hatten die Härte eines Chitinpanzers. Der Name seines Begleiters hatte er nie erfahren, er nannte ihn einfach Drache.
Trotz der ihm zugefügten Schmerzen und Gedankenwäschen, war es ihm möglich gewesen ein einigermaßen normaler Mensch zu bleiben, da ihn Drache immer wieder von den Vorzügen eines realen Lebens erzählte.
Eines Tages als er von dem Brechungsritual, so nannte die Firma den Vorgang bei denen man den Menschen im metallenen Zuhause die Knochen brach, damit sie stärker zusammenwuchsen, in sein Lager zurückkehrte fand er eine Rasierklinge auf seinem Kissen, welches eigentlich nur ein Leinensack mit etwas Stroh war, vor. Es war üblich, dass Kinder, die nicht stark genug waren, sich selbst das Leben nahmen. Dies erleichterte die Arbeit der Firma und sparte Kosten, die sie für das zu schwache Kind ohnehin ausgegeben hatten. Normalerweise wäre dies das Ende für ihn gewesen, doch Drache tauchte auf und sprach: „Du willst einfach so aufgeben?“ Die Worte verwirrten ihn, denn das Wort „aufgeben“ wurde ihm nicht gelehrt und doch konnte er aus dem Ausdruck auf Draches Gesicht schließen, dass es nichts gutes hieß. „Ich tue nicht aufgeben, ich tue das, was erwartet wird.“. Draches Miene verfinsterte sich und er sagte „Falls du das tust, dann tu ich es auch. Doch bedenke, dass du dann den Tod deines einzigen Freundes auf dem Gewissen hast.“
„Gewissen haben nur reale Menschen, ebenso wie Freunde. Ich bin ein gemachter Mensch und habe keins von Beidem.“ Drache schnaubte: „Wenn das so ist, dann tu es. Wenn du aber den geringsten Zweifel hast, dann trage von nun an den Namen Dubium und sei ein realer Mensch“
Von diesem Tage an nannte er sich Dubium und trainierte härter als je zuvor. Ließ jegliche Schmerzen über sich ergehen und wurde mehr und mehr zu einem gemachten Menschen, damit er irgendwann mal ein realer Mensch sein konnte.
Die Jahre verflogen und die Insassen des metallenen Zuhauses wurden kräftiger und engstirniger. Soetwas wie freien Willen gab es nicht, außer bei Dubium. Weshalb er öfter aneckte, als die Firma es zulassen konnte. Es war mitten in der Nacht als sie ihn holten. Er schlief nie besonders tief, weshalb er die schweren Stiefel schon weitem vernahm. Er wurde grob gepackt und hochgezerrt. Als er die Augen öffnete starrte ihn die gewohnte eiserne Fratze des schwarzen Babys an. Er konnte den stinkenden Atem des Wärters riechen und unterdrückte seine Übelkeit. Doch nicht nur der Gestank verwesender Nahrungsreste widerten ihn an, sondern auch die Tatsache, dass er genau wusste, was für eine Freude es dem Wärter machte ihn in den Tod zu schicken. „Hast es endlich geschafft, kleiner Mann! Das Ende ist nah.“ Dubiums Muskeln spannten sich, doch er bemerkte Drache wie er in einiger Entfernung in der Luft flatterte und den Kopf schüttelte. Er musste sich anscheinend noch gedulden, doch Angst erfüllte ihn, wie in der Nacht als er hätte sterben sollen. Er wurde durch einen dunklen Korridor gezerrt, die Wände waren auch hier komplett aus Metall, das immer dunkler zu werden schien. Am Ende stand der Leiter und sprach: „Deine Zeit ist gekommen, du der sich Dubium schimpft! Es gibt keine Individuen in einer Gemeinschaft! Wenn wir perfekt sein wollen, müssen wir Makel zerstören!“ Beim Aussprechen des letzten Wortes spürte Ubium die Erregung des Leiters. „Ohne Zerstörung keine Regeneration!“ Das Ganze hatte etwas wie ein Exorzismus, und würde letztendlich mit seinem Tod enden. Zum Glück hatte er Drache an seiner Seite, ansonsten wäre er vermutlich wahnsinnig geworden. Als der Leiter seine Zeremonie beendet hatte, gab er den Wärtern ein Zeichen und diese hievten Dubium in eine dieser Metallboxen, in denen fehlerhafte Produkte, so nannte man diejenigen, die sich nicht bekehren lassen wollten oder als Baby zu schwach waren. Er schlug heftig auf und es gab einen erstaunlich hellen Klang. Dann mischte sich aber zu dem Vibreren der Wände ein rotierendes Geräusch und als Dubium nach unten sah, erblickte er sich schnell drehende Sägeblätter, die ihm den Gar ausmachen sollten.
Er blickte zu Drache und bemerkte jetzt erst, dass dieser mit ihm den Tod gerissen werden würde.
„Was tust du hier? Verschwinde! Mein Tod darf nicht deinen ebenso bedeuten!“ Doch Drache antwortete lediglich: „Beruhige dich und vertraue mir“ Er öffnete seinen Mund und eine grüne Woge umfasste sie beide. Ein leichtes Kribbeln verspürte Dubium, der Sog wurde angeschaltet und sie wurden in Richtung Klingen gezogen.

//Part 3: Der Leiter//

Nun war es beinahe vollbracht. Über unzählige Jahre bildete er seine gemachten Menschen aus, und schon bald wäre es soweit. Natürlich musste er hin und wieder Rückschläge einstecken. Es gab teilweise schwächliche Produkte, teils geistig zurückgebliebene, doch im Großen und Ganzen hatte er alle Makel entfernt. Nur eine Sache hinderte ihn daran den Erfolg in seiner Gänze genießen zu können. Dieses Produkt, dass sich selbst Dubium nannte. Er hatte es vor einigen Tagen vernichten müssen, obwohl es das wahrscheinlich stärkste und intelligenteste von Allen gewesen war. Wer nicht hören will, muss fühlen.
Er durfte sich nicht von einer solchen Kleinigkeit zurückwerfen lassen. Schon bald konnte man die ersten gemachten Menschen auf die reale Welt los lassen und sein Imperium würde sich erheben. Ich bin kein Wahnsinniger, ich bin ein Visionär. Zerstörung wird zur Regeneration benötigt. Und die Menschheit braucht Regeneration. Sie führen Kriege gegeneinander, sie bestehlen einander, sie verraten Ihresgleichen. Das alles würde ein Ende haben. Er fuhr mit seiner Hand über den Buchrücken seines selbstverfassten Werkes „Man braucht Zerstörung für Regeneration“. Dort hatte er nicht nur alle Dogmen sorgfältig aufgeschrieben, sondern auch jegliche anderen Dinge, die für ein Produkt von Bedeutung waren. Es war das einzige Buch, das sie zu lesen befugt waren. Andere Bücher gab es sowieso nicht im metallenen Zuhause. Er setzte sich auf und strich seine, sich von den anderen abhebende, rote Robe glatt und machte sich auf den Weg zur Begutachtung. Als die gemachten Menschen in der großen Halle vor ihm aufgereiht standen, war er mit Stolz erfüllt. Sie waren makellos. Mit schwarzer Haut überzogen, teils herausstehende Knochen, mit Muskeln bepackt und leeren Gesichtern. Eine so gewaltige Kraft schlummerte in ihnen, dass er froh war vollends Herr über ihren Willen zu sein. Und falls doch einmal jegliche Maßnahmen fehlschlagen sollten, hatte man Mann und Frau, von Beginn des Lebens an, voneinander abhängig gemacht. Es war unmöglich für einen gemachten Menschen sich davor entziehen. Der Leiter grinste, verborgen vor den Blicken seiner Produkte, das Gesicht hinter der roten, mit dem Logo der Firma verzierten Maske und erfreute sich des Anblicks.
Er rief mit geschwellter Brust:

Durch Zerstörung erwächst Kraft, ohne Zerstörung keine Regeneration

Und fügte an: „Was benötigt man also um sich zu verbessern?“
Seine Produkte brüllten wie aus einem Mund: „Zerstörung!“
Als er zufrieden von seinem Podest hinabstieg sah er bereits aus dem Augenwinkel Jemanden, in einer schwarzen Robe mit von oben nach unten verlaufenen roten Streifen, die Blut ähneln sollten, herbeieilen. Der zweitoberste Leiter, keuchend als hätte er eine weite Strecke in höchstem Tempo zurückgelegt, stand nun vor ihm und sprach nach Luft ringend: „Er hat es überlebt! Er hat es überlebt! Oh, Leiter. Er hat es überlebt!“ Die Miene des Leiters verfinsterte sich schlagartig, er wusste genau von wem der Zweite sprach. Der einzige Makel hatte es also überlebt. Mit zusammengebissenen Zähnen presste er hervor: „Findet ihn!“ und fügte hinzu „Dieses Mal tötet ihr ihn, habt ihr mich verstanden?“ „Ja, oh Herr.“ antwortete der Zweite kleinlaut und huschte davon.
Der Makel muss ausgemerzt werden.

//Part 4: Freiheit//

Was war geschehen? Dubium vernahm keinen Ton. Seine Ohren fühlten sich, wie mit Watte verstopft und das Gesicht in feuchte Tüchern gehüllt. Er zwang sich die Augen zu öffnen und wurde von dem hellsten Etwas geblendet, dass er je wahrgenommen hatte. Als er sich nach einigen Sekunden an die gleißenden Strahlen gewöhnt hatte, bemerkte er, dass er in einem Fluss trieb. Mit der langsam eintretenden Erkenntnis nicht gestorben zu sein, konnte er das kühle Nass, welches seinen Körper umfloss, genießen. Er hob den Kopf und hielt Ausschau nach Drache. Dieser zog Kreise über seinem Kopf. „Was ist passiert?“ fragte Dubium „Wo sind wir?“ Drache schnaubte, was einem menschlichen Kichern erstaunlich nah kam „Wir sind in der realen Welt, wir haben es geschafft!“ Aber wie war das möglich, sie hätten zerfleischt werden müssen! Dubium überfiel eine plötzliche Angst, nirgendwo Mauern, keine Wärter und von überall her dieser Krach! „A-aber wie?“stotterte er. „Ich bin hier um dich zu beschützen“ eröffnete Drache erklärend „Und genau das habe ich getan. Wenn ich in deiner Nähe bin, ist es beinahe unmöglich für dich zu Schaden zu nehmen.“ Das verstand Dubium zwar nicht, war aber froh einen Beschützer in dieser ungewohnten Welt an seiner Seite zu wissen. Sie paddelten ans Ufer und trockneten sich in dem hellen Licht, das wie er durch Drache erfahren hatte, Sonne genannt wurde. Sie befanden sich auf einer sattgrünen Wiese umrandet von Bäumen und Sträuchern. Die Luft war voll mit Insekten und Pollen, doch es roch so frisch und euphorisierend, wie es im metallenen Zuhause niemals gerochen hatte. Er spürte erneut das Prickeln auf seiner Haut, doch war es diesmal nicht der heilende Hauch Draches, sondern das Gefühl der Freiheit. Freiheit war in den Hallen nicht gelehrt worden. Drache sagte einmal: „Freiheit ist schwer zu beschreiben, es ist das Gefühl zu sagen, zu denken und zu tun was auch immer dir beliebt.“ Damals hatte Dubium sich das nicht vorstellen können, doch jetzt wusste er genau was es war und wollte es niemals wieder missen. Nachdem die Sonne langsam den Horizont erreichte, machten sie sich auf den Weg einen Schlafplatz zu suchen. Dies erwies sich schwieriger als gedacht, denn Dubium hatte nie gelernt alleine zu leben. Im metallenen Zuhause wurde jegliche Selbstständigkeit von ihm genommen, doch mit Hilfe von Drache bauten sie sich ein Lager aus getrocknetem Gras und Blättern, sowie Moos als Kopfkissen. Er schlief tief und fest. Seine erste Nacht in der Freiheit war erfüllender als jede andere in seinem alten Leben.
Unsanft wurde er aus seinem Schlaf gerissen. Über ihm stand eine Frau, deren Schönheit Ihresgleichen suchte. Ein gütiges Gesicht, jedoch zu einer grimmigen Miene verzogen, satte rote Lippen und ein kurvenreichen Körper. Abgerundet wurde das Bild durch ebenholzschwarze Haare, welche ihr über die Schultern hingen. Sie trug eine anliegende pastellfarbene Kutte, an der Hüfte durch einen lederähnlichen Gürtel zusammengehalten. Dubium schien sie wohl zu lange gemustert zu haben, denn ihr Gesicht wurde noch grimmiger: „Wer bist du?“ zischte sie „Was tust du hier?“ Dubium war noch ein wenig vom Schlaf und der vor ihm stehenden Schönheit benebelt, sodass er außer einem plumpen „Schlafen“ als Antwort nichts hervorbrachte. Zu seiner Verwunderung grinste die Schönheit und half ihm hoch. „Ich bin Veranima“ erzählte sie „Tut mir leid, dich erschreckt zu haben, aber ein erschreckter Mensch offenbart mir seine Aura am leichtesten.“ Eigentlich wollte er fragen, was sie damit meinte, aber aus irgendeinem Grund war es ihm peinlich unwissend ihr gegenüber zu sein. „Wie ist dein Name?“ fragte sie und ging tiefer in den Wald hinein, mit einer Hand ihm bedeutend zu folgen. „Dubium.“ antwortete er und konnte ihr gerade so auf dem unebenen Weg folgen, ohne zu weit zurückzufallen. „Dubium, soso.“ sagte sie mit einem zweiflerischen Unterton „Das ist ein Drachenname. Woher kommst du?“. Erst jetzt fiel ihm auf, dass Drache sich nicht in der Nähe befand. „Ich komme von..“ „Ahh!“ erschreckte Veranima sich „Daher der Name! Dein Begleiter ist ein Drache!“ Vor ihr war Drache aus den Wipfeln herabgestürzt, bremste vor ihrem Gesicht jedoch ab und flatterte auf und ab. „Du kannst ihn sehen?“ fragte Dubium ungläubig. Bisher hatte niemand Drache erblicken können. „Ja, das hat meine Gabe so an sich. Ich erkenne Auren, Türen der Seele. Ein Drache hat eine gewaltige Aura, also ist es schwer in zu übersehen.“ erklärte sie mit einem Augenzwinkern. Dubium erkannte, dass Drache geschmeichelt den Schwanz hin-und her zucken ließ. Inzwischen war die ungleiche Gruppe an einer heruntergekommenen Holzhütte angelangt, an der sich das Moos bereits die Balken entlang schlängelte. Veranima schwang die Tür auf und sie betraten ihr Heim. „Nun erzählt mal, was euch hierher treibt. Du siehst so gar nicht aus, wie ein gewöhnlicher Mensch. So viele Muskeln, schwarze Haut und definitiv sehr schreckhaft“ bei dem letzten Wort grinste sie und ihre hellweißen Zähne kamen zum Vorschein. Sie war wirklich wunderschön, dachte sich Dubium. Er setzte zu einer Erklärung an, aber Drache kam ihm zuvor: „Wir kommen aus den metallenen Zuhause der Firma. Ich bin Dubiums Beschützer und meine Aufgabe ist es ihm ein erfülltes Leben zu ermöglichen.“ Dubium sah Veranima an, dass sie zweifelte, doch behielt diese Erkenntnis erst einmal für sich. „Das metallene Zuhause. Davon habe ich gehört. Die Firma produziert Menschen, ohne freien Willen und mit übermenschlicher Kraft. Es sind quasi lebende Zom..“ Sie brach ab und schaute zu Dubium „Du bist eines der Produkte?“ Sie hatte einen mitleidigen Blick aufgesetzt, was Dubium Unbehagen bereitete, aber wofür er andererseits auf eine gewisse Weise dankbar war. Dubium nickte und schwieg. „Nun ja!“ sagte sie plötzlich mit Euphorie geschwängerter Stimme „Wie kann ich euch helfen?“ „Helfen?“ fragte Dubium verdutzt. Er freute sich wie ein kleines Kind über das Angebot, doch war er unsicher wobei sie eigentlich helfen wollte. „Natürlich! Du brauchst Training im Menschsein.“

Die darauffolgenden Tage lernten sich die Drei besser kennen. Vera, so durfte Dubium sie inzwischen nennen, lebte seit ihre Großmutter gestorben war alleine in der Holzhütte und begegnete nur recht selten anderen Menschen. Ihre Gabe, hatte ihre Großmutter erzählt, wurde über Generationen vererbt und sei letztendlich bei ihr angekommen. Durch die mangelnden Aktivitäten, durchaus dem geringen Kontakt zu Menschen geschuldet, wenn man alleine in einem Wald lebte, übte und verfeinerte sie ihre Gabe immer weiter. Dubium begann sie wirklich sehr zu mögen, auch wenn er sich nicht sicher war, ob er überhaupt dazu imstande war. Drache bestärkte ihn und er fühlte sich mehr und mehr wie ein richtiger, realer Mensch. Vera bestand darauf, dass die Beiden bei ihr einzogen und sie lebten einige Zeit zusammen und genossen das Leben. Er lernte viel über die Welt und das Jagen, sowie das Kämpfen, für das er offensichtlich eine Affinität besaß. Eines Abends sollte der vermeintliche Frieden ein jähes Ende finden..

//Part 5: Überfall//

Die donnernden Hufe schreckten Dubium aus dem Schlaf. Vera war bereits an seiner Schlafstätte und befahl ihm sich zu verstecken. Er begrub sich so unter den Decken, dass er durch einen Spalt die Tür im Blick hatte. Es wurde heftig an die Tür gehämmert und bevor Vera diese erreichte, krachte sie mit einem ohrenbetäubenden Kreischen aus den Angeln. Dahinter standen ein Dutzend schwarzhäutiger Menschen in Reih und Glied, sowie der Zweite, den man durch seine schwarz-rote Robe selbst in der Dunkelheit erkannte. Sie hatten ihn gefunden!
Dubium wurde heiß und kalt gleichzeitig. Vera jedoch, verspürte offensichtlich keine Angst und rief erbost:
„Was wollt ihr hier und wieso zur Hölle tretet ihr meine Tür ein, ihr Halunken!“
Der Zweite schien wenig beeindruckt und fragte lediglich kühl:
„Wo ist er?“
Demonstrativ streckte er den Schädel durch die Öffnung, wo sich noch kurz zuvor die Tür befunden hatte, und schaute sich um.
„Wir wissen, dass er hier ist.“
Dubium konnte die Anspannung an Veras Körper sehen, trotzdem blaffte sie den Zweiten an
„Ich weiß nicht wovon du redest, mach, dass du wegkommst!“
Nun wurde der Zweite endgültig wütend und schnaubte hörbar durch die Atemlöcher der eisernen Maske:
„Nun gut. Dein Leben werde ich mir trotzdem nehmen. So respektlos geht man nicht mit dem Zweiten der Firma um.“
Er senkte seine Stimme und flüsterte kaum hörbar:
„Oder wirst du sie retten, Makel?“
Er schlug unvermittelt zu. Dubium jedoch, war im selben Moment aufgesprungen und fing die heran sausende Faust knapp vor Veras Gesicht ab.
„Ah! Wer ist denn da!“
schrie der Zweite aufgeregt
„Ergreift ihn, Produkte, ergreift ihn! Ach ja, und tötet die Frau.“
Die schwarzhäutigen Krieger um ihn herum stapften auf Dubium zu, spannten die Muskeln und schlugen die Fäuste in euphorisierendem Rhythmus aufeinander.
Dubium machte sich bereit, niemals würde er zulassen, dass sie Vera etwas antun. Er setzte zum Sprung an und schlug seine Faust dem vordersten Krieger ins Gesicht. Trotz brechendem Knorpel und den damit verbundenen, enormen Schmerzen, hob der Getroffene ohne auch nur einen Laut von sich zu geben ebenfalls die Faust und rammte sie ihm in die Seite. Sein Brustkorb hielt stand und er wurde erneut erfüllt von diesem erfüllenden, kraftgebenden Prickeln. Er fühlte sich mächtiger als je zuvor und schrie grimmig:
„Ihr kriegt mich nie, genauso wenig wie Vera!“
Damit rannte er, erfüllt von neuer Kraft, aus der Hütte auf die Lichtung und nahm gleich drei Krieger gleichzeitig auf dem Weg mit, welche er an einer alten Eiche mit seinem Arm wortwörtlich pfählte. Er zog sein, zu einer Waffe gewordenes, Körperteil aus den Kadavern und drehte sich zu den verbliebenen Kriegern. Diese kreisten ihn ein und kamen langsam näher, um ihn wie ein Tier zur Strecke zu bringen.
„Fang!“
rief Vera und warf ihm ein blau-schimmerndes Schwert zu
„Sie werden nicht standhalten können!“
Er schwang das Schwert in Hüfthöhe und teilte die restlichen Angreifer in zwei Hälften. Die Leichenteile zuckten zwar noch kurz , verharrten letztendlich vollends. Plötzlich brach das Kribbeln ab und er vernahm einen krächzenden Schrei.
„Drache!“
Der Zweite hatte Drache an den Flügeln gepackt und mit einem dicken Seil gefesselt.
„Dadurch warst du also so mächtig, Makel! Ein heilender Drache, dass ich das noch erleben darf. Nun denn, vernichtet ihn!“
Mit dem Befehl erhoben sich die eben noch aufgespießten Krieger und schlugen rücksichtslos auf Dubium ein. Zwar konnte er einige Schläge parieren, doch sobald seine Deckung durchbrochen war, gab es kein Entkommen mehr.
Das war es also. Kurz hat die Freiheit angedauert.
Er schloss die Augen und verabschiedete sich von dem so kurz währenden, neugewonnenen Leben, als er überraschend die Schreie der Angreifer vernahm.
Wie war das möglich? Sie kennen keinen Schmerz!
Als er die Augen öffnete, sah er Vera neben ihm flammenumwogt stehend. Die Angreifer zogen sich zurück und die Welt verdunkelte sich.
Als er zu sich kam, befand er sich neben Vera auf einer dünnen Matte mitten im Wald.
„Was ist passiert? Wo ist Drache?“
fragte er, obwohl er die Antwort bereits kannte.
„Wir müssen ihn retten!“
Erst jetzt fiel ihm auf wie angeschlagen Vera aussah. Sie musste viel Kraft verbraucht haben, um ihnen die Flucht zu ermöglichen. Er nahm sie in den Arm und spürte ihren warmen Körper. Sie schluchzte:
„Ich konnte nichts tun, es tut mir so leid“
Ihre Trauer verstärkte die Seinige und er wiederholte flüsternd:
„Wir müssen ihn retten.“

//Part 6: Rückkehr//

Als er die eisernen Hallen betrat, war sein Unbehagen groß. Er hatte zwar einen Drachen gefangen, den Makel jedoch nicht ausmerzen können. Zusätzlich nagte der Verlust von einem Dutzend seiner Krieger an ihm. Das wird dem Leiter nicht gefallen. Mit einem tiefen Atemzug und all seinen Mut zusammennehmend, klopfte er an dem Tor des Leiterzimmers.
„Tritt ein!“
vernahm er die donnernde Stimme des Leiters
„Hast du den Makel zerstört?“
wurde er während er den Raum betrat bereits gefragt.
„Nun, n-nein“
stammelte er
„Aber..ich habe seine Schwäche gefunden!“
versuchte er sich zu verteidigen
„Dieser Drache, oh Leiter!“
Doch statt Lob grollte es zornerfüllt unter der Maske hervor
„Schwächling! Wie konntest du erneut versagen?“
„Unsere Schwester war bei ihm, oh Leiter!“
Es schien als wäre der Leiter beim Aussprechen dieser Botschaft zusammengezuckt
„Unsere Schwester?“
fragte er und machte eine Pause
„Das wäre nur ein weiterer Grund zu zerstören!“
Mit einem Satz stand er unerwartet vor ihm und eine wohlige Wärme bereitete sich in der Nähe des Herzens aus. Er blickte zitternd an sich herab und erblickte den schwarzen Griff des Dolches aus seiner Brust herausragend. Seine leibliche Hülle wurde schwach und sank in sich zusammen. Bevor er sich vollends in das Reich der Toten verabschiedete hörte er den Leiter noch sagen
„Aus dieser Zerstörung wird dieser Taugenichts von Bruder sich nicht regenerieren können. Und nun zu dir kleiner Drache. Du wirst einen feinen Köder für das letzte meiner Probleme abgeben. “

Vera wirkte niedergeschlagen als sie sich auf den Weg ins metallene Zuhause machten. Dubium versuchte ihr Trost zu spenden, indem er sie in die Arme schloss, doch war ihm klar, dass er ebenso Trost suchte. Er konnte zwar keinen physischen Schmerz erleiden, doch ihm war bewusster denn je, der wahre Schmerz war geistiger Natur.

Sie erreichten eine grasbewachsene Anhöhe, von der sie bereits das metallene Zuhause erblicken konnten. Vera schaute ihm tief in die Augen und sprach:
„Ich werde einen Zauber auf dich wirken, womit du die gemachten Menschen vernichten kannst. Doch du musst aufpassen, du bist verwundbar.“
Man sah ihr die Sorge im Gesicht an, und obwohl er wusste, dass es um seinen Tod ging, bereitete diese Sorge ihm gegenüber, eine wohlige Wärme in seiner Magengegend. Knarzend öffneten sich die Tore und Massen von schwarzhäutigen Produkten marschierten hervor. „Was ist da los?“
fragte er ohne eine Antwort zu erwarten. Nachdem in etwa 300 Krieger und Kriegerinnen das Tor durchquert hatten, zeigte sich der Leiter. Die rote Robe hob ihn von dem Rest der dunklen Gestalten in krassem Kontrast ab und eine bedrohliche Aura schien ihn zu umgeben. In der Hand hielt er in einem rostigen Käfig Drache!
„Wir müssen ihn befreien!“
rief Dubium voll Zuversicht, trotz Anblick der überwältigenden Übermacht. Hatte er eine Mahnung Veras erwartet, so wurde er überrascht. Sie sprach leise, aber überzeugt:
„Holen wir uns Drache zurück.“

//Part 7: Das Finale//

Sie liefen, mit verzweifelter Überzeugung erfüllt, den Berg hinab. Obwohl der beinah unvermeidbare Tod die Beiden am Ende des Weges erwarten würde, mussten sie ungewollt lachen.
Wie ein Derwisch wirbelte Dubium durch die Reihen der gemachten Menschen und fällte erbarmungslos einen Gegner nach dem anderen. Die rar gesäten Augenblicke des Verschnaufens nutzte er um sich nach Vera umzusehen. Er konnte sie in einigen Metern Entfernung erspähen, wie sie mit Hilfe ihrer Gaben Massen an Gegnern ins Reich der Toten beförderte. Zwar wirkte das Rezitieren ihrer Zauber auf den ersten Blick mühelos, doch zu seinem Bestürzen musste er bei genauerem Betrachten ihre angestrengte Atmung und unsicheren Stand feststellen. Beunruhigt merkte er, dass seine Arme ebenfalls schwerer wurden und er konnte nicht verhindern einige heftige Treffer einstecken zu müssen. Gestärkt durch den Willen die einzigen Wesen, die ihm etwas bedeuteten, zu schützen, mobilisierte er noch einmal all seine Kräfte und massakrierte wie in einem Wahn unzählige Gegner mit verheerenden Auswirkungen. Der Schweiß rann in Sturzbächen über seinen Körper, die Muskeln waren zum bersten angespannt, Luft wurde in die schmerzenden Lungen gepresst und wieder ausgestoßen. Deckung! – Schlag! – Deckung! Mit der Zeit jedoch vernachlässigte er seine antrainierten Kampftechniken und drosch stupide mit rücksichtsloser Gewalt in die Menge. Für jeden gefällten Krieger jedoch, rückten zwei Weitere nach. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit lichteten sich allmählich die Reihen der Gegner und die übrig gebliebenen Produkte scharrten sich um den Leiter.
„Nun denn, Makel!“,
brüllte der Leiter mit unnatürlich lauter Stimme über das halbe Schlachtfeld: „Wie ich sehe hast du dich mit meiner Schwester zusammengetan!“
Mit seiner Schwester?!
Vorsichtig drehte sich Dubium zu ihr um. Das Blut der erledigten Kämpfer klebte ihr am ganzen Körper und ihre Robe war beinahe vollends zerrissen. Sie schien auf den ersten Blick unverletzt.
Er schaute zurück zum Leiter und rief voller Zuversicht: „Ich werde jeden Einzelnen, den du schickst, besiegen!“, er machte eine bedeutungsvolle Pause: „Und am Ende wirst auch du fallen.“
Ein teuflisches, nicht von dieser Welt zu stammen scheinendes Lachen erklang hinter der eisernen Maske: „Das werden wir ja sehen.“, er gestikulierte wild mit den Händen: „Du magst einen geringfügig freieren Willen, als die anderen Produkte zu besitzen, aber eine Sache..“ er hob den Finger und kreischte nun beinahe: „…wird auf ewig dein Innerstes Verlangen kontrollieren!“
In pures Licht gehüllt trat eine, Dubium unbekannte, junge Frau durch den Torbogen auf das mit Leichenteilen übersäte Schlachtfeld. Ein nicht verdrängbares Jucken erfüllte seinen Körper. Sie war das fehlende Teil seines Geistes, sie war das liebliche Gegenstück zu seinem kriegerischem Dasein. Sie war…perfekt.
„Hallo Dubium“, erklang ihre engelsgleiche Stimme: „Magst du mich, Dubium?“
Sein Körper gehorchte nicht mehr seinen Befehlen, er konnte sich nicht bewegen, er wollte schreien, wollte um sich schlagen. Stattdessen starrte er sie reglos an. Mit grazilen Schritten kam sie langsam näher und streichelte sein Gesicht. Unvermittelt schlug sie zu und traf ihn mit voller Wucht. Benommen stürzte er zu Boden, stand wieder auf und starrte sie weiterhin an. Er konnte sich nicht entziehen, er wollte es, aber er konnte es nicht. Sie schlug erneut zu. Er spürte den brennenden Schmerz. Doch war es nicht der Schmerz verursacht durch die Schläge, es war ein Schmerz tief in seinem Innersten. Sie war es nicht, an die er gebunden sein wollte. Er wollte Vera!
Mit einem markerschütterndem Schrei befreite er sich aus seiner Stasis und zerschmetterte die junge Frau, die ihn vorher noch so eingenommen hatte, mit einem einzigen Schlag in hunderte Einzelteile. Sofort schwenkte sein Blick hinüber zu Vera und sie lächelten sich in wortlosem Verständnis an. Plötzlich wurden sie durch die Schreie des Leiters aus dem Moment gerissen. Dieser streckte seine Arme gen Himmel, grelle Blitze schlugen ein und mit wachsender Geschwindigkeit krochen die Leichenteile der erledigten Krieger zu seinem Körper und vereinigten sich zu einem riesigen Golem aus Fleisch:“NOCH HAST DU MICH NICHT BESIEGT, MAKEL!“ Der riesige Fleischgolem wuchs bedrohlich in die Höhe und überragte einen normalen Menschen schließlich um mehrere Baumlängen. Einzelne, abgetrennte Hände hingen aus dem fleischigen Körper und die Köpfe der besiegten Produkte erwachten erneut zum Leben.
„Sieh nur!“ rief Vera und deutete in Richtung Drache, der ebenfalls im Begriff war sich zu verwandeln. Sein Blick war auf Dubium gerichtet:“Mit dem Überwinden der Ketten deines Willens, sind meine Ketten ebenso gelöst.“
Während er sprach wuchs er ebenfalls auf eine übermenschliche Größe und ließ den Fleischkoloss schon bald klein erscheinen.
„Ich werde dir die Freiheit ermöglichen!“
Mit ohrenbetäubenden Gebrüll raste er auf den Koloss zu und packte ihn beinahe mühelos mit seinen Krallen. Das Schlagen der Flügel verursachte orkanartige Böen und Dubium, mehr torkelnd als rennend, begab sich zu Vera und schützte sie mit seinen letzten Kräften.
Drache flog mit dem Koloss in die Lüfte und hüllte ihn in ein Inferno von grünem Feuer.
„NEIN!“,schrie dieser dem Tod nahe: „DAS KANN NICHT SEIN, NEIN!“
Und Drache grollte über das Feld, hörbar noch in weiter Ferne: „Manchmal muss etwas zerstört werden, damit andere regenerieren können.“

ENDE

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